Politik : Hinter den Linden: Psychologie der Mappe

Ulrike Fokken

Im Bundestag erledigen die Abgeordneten und die Minister immer eine Menge Papierkram. Sie studieren Akten, schreiben Stellungnahmen, lesen Hausmitteilungen, Fraktionsbeschlüsse und die eine oder andere Zeitung. Bei der Union war auch am Freitag die "Auto-Bild" wieder sehr beliebt, wie überhaupt die Erzeugnisse aus dem Hause Springer bei der Union hoch im Kurs stehen. Nicht, dass die Sozialdemokraten die Zeitung mit den großen Lettern nicht auch schätzen würden. Für die über der SPD-Fraktion sitzende Presse auf den Bundestagsrängen ist das sogar ganz praktisch, lassen sich doch die Geschichten von einem Stock drüber noch lesen.

Aber auch die Minister kommen gemeinhin mit einem Stoß Akten und Zeitungen in die Debatten. Der tut was, der Minister, kann dann abends das Volk in der Tagesschau sehen. Gestern war das anders. Sie erledigten keine Schreibarbeiten an ihren Ministerpulten, sondern lauschten dem Kanzler und den anderen Rednern. Ulla Schmidt (Gesundheit), Werner Müller (Wirtschaft), Walter Riester (Arbeit) und Herta Däubler-Gmelin (Justiz) hatten ihre Akten gleich im Büro gelassen, an so einem Tag. Die anderen konnten sich der Psychologie der Mappe nicht entziehen. Jürgen Trittin (Umwelt) hatte einen schlanken Hefter vor sich, Joschka Fischer (Außen) mehrere ungeordnete Blätter, Renate Künast (Landwirtschaft) einen ganzen Stapel Akten, Kurt Bodewig (Verkehr) ein elegant aussehendes Etwas aus Leder. Otto Schily (Innen) hatte sich für eine überregionale Tageszeitung entschieden. Einzig Gerhard Schröder (Kanzler) blieb sich treu. Vor ihm glänzte wie immer der reine Tisch.

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