Politik : Hinter den Linden: Sitze und Schlipse

Thomas Kröter

Sind Politiker auch nur Menschen - wie Sie und ich? Im Prinzip ja, aber ... Wenn unsereiner nach einer Flasche Bier verlangt, wird so schnell kein Hit daraus. Um uns kümmerte Stefan Raab sich höchstens, wenn wir es wären, die dem Kanzler die Flasche gebracht haben. Haben wir aber nicht. Was Besonderes sind die Politiker nicht nur beim Sau ..., pardon, beim Trinken, sondern auch beim Reisen. Zwar gilt für alle das Dichterwort "Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen", aber während die meisten Menschen damit warten, bis sie zurück (frühestens) oder die Dias entwickelt sind (spätestens), fangen die Politiker viel früher damit an. Wenn, um bei der Flasche, pardon, beim Herrn Bundeskanzler zu bleiben - wenn also Gerhard Schröder auf Reisen geht, wird schon Tage vorher verkündet, warum und zu welchem Zweck er, wie jetzt gerade, durch den Nahen Osten tourt. Das ist wichtig, damit von der Reise das Richtige berichtet wird.

Der Kanzler fährt nämlich nicht allein, sondern nimmt einen Tross von Journalisten mit, damit die schon von unterwegs erzählen - möglichst, dass die Gespräche des Regierungschefs mit seinen ausländischen Kollegen genau dem entsprochen haben, was er erwartet hat (mindestens) oder dass sie noch besser verlaufen sind (am liebsten). Manchmal wird von solchen Reisen auch Unvorhergesehenes berichtet: Legendär der große Messangriff des Kanzler-Kolumnisten der "Bild"-Zeitung, Mainhardt Graf Nayhauß. Zu Helmut Kohls Zeiten ermittelte er per Zollstock den Durchmesser jener Örtlichkeit, auf welcher der Kanzler sich im Fluge erleichtert (was das angeht, bewegt sich der Nachfolger übrigens im selben Format). Da selbst bei "Big Brother" das Häuschen tabu ist, möchte unsereiner kaum politikermäßig verreisen.

Aber die brauchen, ach was, die wollen das. Rezzo Schlauch zum Beispiel. Bei dem Grünen-Fraktionschef drängeln nicht so viele Reporter, um ihn auf Reisen zu begleiten. Damit er trotzdem schon was von unterwegs erzählen kann, lässt er mitteilen, dass er auf seinem einwöchigen USA-Trip täglich von acht bis neun Uhr morgens (Ortszeit) erreichbar ist und unter welcher Telefonnummer. Wir wissen, wann wir anrufen: Am nächsten Freitag. Da nimmt der Grüne an einem Dinner teil, bei dem ausweislich des beigefügten Besuchsprogramms "black tie optional" ist. Und ob Schlauch sich in Los Angeles einen schwarzen Schlips um den kurzen Hals schlingt, das interessiert mindestens so stark wie der Durchmesser des Kanzlersitzes. Oder?

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