Politik : Hinter den Linden: Sozialer Friede

Hans Monath

Was der Chef vom neuen Kanzleramt hält, ist oft zitiert worden - und auch seine Mahnung nach der letzten Kabinettssitzung im Staatsratsgebäude, die da lautete: "Freut euch auf das neue Haus!" Weniger bekannt ist, mit welchen Gefühlen die rund 400 Mitarbeiter Gerhard Schröders Ende der Woche die Umzugskisten gepackt haben.

Wenn man Thomas Lembert glauben will, dem Vorsitzenden des Personalrats, dann sind die Beamten und Angestellten zunächst einmal froh darüber, dass die Zeit der Provisorien endlich zu Ende geht. Der Umzug in das von Axel Schultes entworfene Haus polarisiert aber auch die Meinung der Menschen, die von morgen an in den Büros des Monumentalbaus im Dienst der Deutschen arbeiten sollen. Manche denken wehmütig an das Flair der Innenstadt, das sie mit dem alten Staatsrat hinter sich lassen, denn schließlich ist rings um das neue Kanzleramt nichts als Ödnis. Andere freuen sich auf den modernen Entwurf, auf große Fensterfronten und Gruppenarbeitsräume. Thomas Lembert selbst kommentiert so ausgewogen, wie es sich für einen ordentlichen Personalratsvorsitzenden gehört: "Man muss den Bau mit Leben füllen", sagt er, "dann wird man sehen, ob er sich bewährt."

Unbestritten aber ist, dass der Umzug nach Tiergarten den sozialen Frieden im Kanzleramt fördern wird. All diejenigen nämlich, die erst nach dem Zuzug von Bonn vor zwei Jahren ihren Arbeitsvertrag unterschrieben, wurden bisher nach Osttarif bezahlt - netto bekamen sie rund zehn Prozent weniger als die Kollegen, die aus Bonn nach Berlin versetzt worden waren. Denn die Dienststelle Kanzleramt lag bisher im Ostbezirk Mitte - und das hieß auch noch, dass die schlechter bezahlten Neueingestellten mit 40 Stunden in der Woche neunzig Minuten länger arbeiten mussten als die Kollegen. Vor allem etwa 50 bis 60 Geringverdiener im Dienst des Kanzlers verbessern ihr Einkommen nach Auskunft des Personalratschefs, also Boten, Sekretärinnen und Sachbearbeiter. Neidisch hatten die bisher auf die Kollegen geschaut, die beim Bundestag angestellt sind. Mit der Begründung, die Dienststelle Reichstag liege doch in Tiergarten, bekommen dort alle West-Tarif, auch jene Angestellten, die in einer der vielen Dependancen des Bundestages in Mitte arbeiten. Ob diese Entscheidung wohl damit zu tun hatte, dass Dienstherr Wolfgang Thierse als gelernter DDR-Bürger über ein besonderes Gespür für Ungleichbehandlung verfügt?

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