Politik : Hinter den Linden: Sprachrohr

Hans Monath

Je mächtiger, desto attraktiver und begehrter - die Regel gilt vor allem für den Umgang von Journalisten mit Politikern. Komischerweise scheint sich in Korrespondentenbüros und Redaktionen gerade eine neue Regel durchzusetzen: Ein Politiker allein macht noch keinen Frühling, eine Partei möchte es schon sein. Erklärt, sagen wir, Cem Özdemir von den Grünen, er wünsche sich ein Einwanderungsministerium, dann meldet eine hoch angesehene Frankfurter Zeitung am nächsten Tag "Die Grünen fordern ein Einwanderungsministerium", auch wenn der Politiker Özdemir den Vorstoß weder mit seiner Partei noch mit seiner Fraktion abgestimmt hatte. Und als Uwe Hiksch nun einen Antrag zum Völkermord an den Armeniern vorstellte, hieß es in einer Hamburger Agentur prompt: "PDS fordert Bundestag zum Druck auf Türkei wegen Völkermordes auf". Bei kleinen Parteien wird stillschweigend vorausgesetzt, ihre Parlamentarier sprächen für die ganze Truppe, sobald sie nur den Mund aufmachen. Aber wenn beispielsweise der Kölner SPD-Abgeordnete Konrad Gilges sich kritisch zu Militäreinsätzen äußert, steht am nächsten Tag auch nicht in der Zeitung: Die SPD lehnt eine militärische Intervention ab. Für Menschen mit Wirkungsdrang ergibt sich daraus die klare Handlungsanweisung: Engagiere dich nicht in einer Volkspartei, wenn du für deine ganze Partei sprechen willst. Übrigens: Bei Hiksch hatte die PDS-Fraktion aufgepasst. Kurz nach der Agenturmeldung, wonach die PDS den Bundestag auffordere, kam ein Rundfax in die Redaktionen: "Berichtigung einer dpa-Meldung". Manchmal ist es eben doch wichtig, dass einer für sich ganz alleine spricht. Und nicht für die Partei.

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