Politik : Hinter den Linden: Spürsinn

Robert von Rimscha

Verlässlichkeit, Stilempfinden, ein Gespür für den angemessenen öffentlichen Auftritt - dies sind die Kerntugenden der Politik. Deshalb darf ein Regierungschef sich nicht in neuer Luxus-Montur zeigen, wenn er gerade zum Gürtel-enger-schnallen aufgerufen hat. Deshalb darf ein Verteidigungsminister nicht in Mallorca planschen, wenn er gleichzeitig Soldaten in einen riskanten Einsatz schickt. Womit wir bei Rudolf Scharping wären und einem Ereignis, das nun schon ein halbes Jahr zurückliegt.

Scharping hat dazu gelernt. Es ist zu vermelden, dass der Minister nun mit äußerstem Fingerspitzengefühl an die Abstimmung seines Terminkalenders geht. Am Sonntag sollte Scharping nämlich in Handschellen und Sträflingsmontur vor Gericht stehen. Natürlich nicht vor einem richtigen Gericht, sondern vor dem Tennengericht beim Karneval in Münster. Was die Sache aber noch schlimmer macht: Jürgen Möllemann hätte ihn verteidigt, Burkhard Hirsch das Urteil gefällt.

Der fröhliche Charakter der Veranstaltung sei der derzeitigen Situation nicht angemessen. Immerhin müsse der Minister stündlich Entscheidungen über die nach Afghanistan entsandten Bundeswehr-Soldaten treffen, hat sein Ministerium den Veranstaltern nun mitgeteilt: Absage. Eine mutige, eine richtige Entscheidung. Nur: Warum hat Scharping am Dienstag nahe Mainz an der A 60, die dort sechsspurig ausgebaut wird, eine Autobahnbaustelle eröffnet? Eine Notlandepiste für die altersschwachen Transalls der Bundeswehr? Vorbereitung für ein Kabinetts-Revirement, in dem der lustig-ernste Scharping für den blassen Kurt Bodewig das Verkehrsministerium übernimmt? Rätsel über Rätsel.

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