Politik : Hinter den Linden: Stil und Historie

Gerd Appenzeller

Mit einem neuen Haus ist es wie mit einer neuen Bekanntschaft. Es gibt welche, die wirken auf den ersten Blick geradezu umwerfend. Bei näherem Hinsehen merkt man dann, wo der Architekt gepatzt hat, wo die schöne Maske einen nicht ganz so gewinnenden Charakter versteckt. Sie ahnen schon: Es geht - mal wieder - um das neue Kanzleramt. Gerhard Schröder fremdelt nicht mehr darin, sondern hat zu dem Bau ein Arbeitsverhältnis entwickelt. Da er durchaus ein Gefühl für Ästhetik hat, musste das irgendwann auch kommen. So abweisend das Gebäude von außen wohl bis zur endgültigen Begrünung im Jahre 2151 wirkt, so faszinierend, lichtdurchflutet und geradezu befreiend sind die fließenden Linien im Inneren. Zudem ist den Architekten im großen Kabinettssaal eine Akustik gelungen, die Verständigung ohne Mikrophone ermöglicht. Um den Ausblick aus fast 40 Meter Höhe darf man Kanzler und Minister beneiden. Der Blick schweift vom Reichstag über den Potsdamer Platz bis zum Glockenturm im Tiergarten. Von Schröders Platz aus - kein erhöhter Sessel mehr wie bei Kohl! - hat der Regierungschef den Turm des Tagesspiegel-Hauses fest im Blick.

Freilich, nicht alles ist neu. Die Glocke blieb die alte und der Klingelknopf für die Mitarbeiter wirkt so, als hätten Fünfjährige im Kindergarten einen Messingring mit Fimo-Knetmasse ausfüllen dürfen. Das Teegeschirr aber hat Tradition und Klasse. Seit Bundeskanzler Konrad Adenauer 1953 ein KPM-Service, weiß mit Goldrand, spendierte, sind alle Bundesregierungen der Berliner Manufaktur treu geblieben. Das zeugt von einem Gefühl für Historie. Und Stil hat es auch.

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