Politik : Hinter den Linden: Trinkgeld-Taktik

Hans Monath

Eigentlich müsste der klassische Dienstleistungsberuf im Wahlkampf eine Domäne der Sozialdemokraten sein: Wer als Kofferträger, Kellner, Friseur oder Zimmermädchen für andere schuftet, verrichtet schließlich körperliche Arbeit am Nächsten und gehört selten zu den Begüterten im Lande. Wer es sich leisten kann, der arbeitet nicht für andere, der lässt andere für sich arbeiten.

Jetzt aber hat die Unionsfraktion einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht, der den Anteil der Taxifahrer, Liftboys und Stadtführer an den Stoiber-Wählern im Bundesgebiet schlagartig erhöhen soll - Schank-Kellner in bayerischen Festzelten und Biergärten brauchen wohl nicht mehr eigens umgarnt zu werden. Die Union schlägt nämlich vor, den steuerlichen Trinkgeldfreibetrag von 2400 Mark um 75 Prozent auf 4200 Mark zu erhöhen. Zwar würde bestimmt kein Kellner, Taxifahrer oder Stadtführer für Mark-Beträge überhaupt noch aufstehen, weshalb der angestrebte Freibetrag eigentlich 1200 Euro heißen müsste. 65 Millionen Euro ("130 Millionen Mark") soll der Finanziminister nach dem Willen von "Friedrich Merz, Michael Glos und Fraktion" für die Dienstleister ausspucken - was denen sicher gefallen würde, wenn sie ihr Trinkgeld denn, was gar nicht so sicher ist, bisher ordentlich versteuert haben. Gerne lesen werden sie auch die Begründung des Vorschlags, der für die Union "auch ein konstruktiver Beitrag zur Erhöhung der Dienstleistungskultur in unserem Land" ist.

Falls die Koalitionsmehrheit am Donnerstag im Bundestag den Vorschlag ablehnt, bleibt den Unionspolitikern nur noch ein Weg, um die "Dienstleistungskultur" in Deutschland voranzubringen: selbst mehr Trinkgeld zu geben. Das freilich zahlt dann nicht der Finanzminister, das geht ans eigene Portemonnaie.

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