Politik : Hinter den Linden: Umziehen? Rumziehen!

Carsten Germis

Das hat es in Bonn so nicht gegeben: Man geht durch die Stadt, und wer begegnet einem? Der Bundestagsabgeordnete xy, am Arm die Ehefrau, im Schlepptau die Kinder. Mit gesetzten Worten erläutert er, was sich hinter den Fassaden im neuen Regierungsviertel so verbirgt. FDP-Chef Wolfgang Gerhardt hat das schon vor einem Jahr, als Parlament und Regierung gerade an die Spree gezogen waren, gesagt: "In Berlin bleibt man auch gern mal für ein paar Tage, um die Stadt kennen zu lernen und die Kultur zu genießen." Jetzt, in der Weihnachtspause, sind etliche Abgeordnete privat hier und zeigen der Familie, wo sie arbeiten.

Dabei sind es oft nicht die Parlamentarier, die es zurück an ihre Wirkungsstätte zieht, wenn sie eigentlich daheim die Ferien genießen könnten. Es sind die Angehörigen, die etwas sehen und erleben wollen - und besonders oft sind es die Kinder. Wer im Wetteraukreis oder in Ostfriesland wohnt, erhofft sich von ein paar Tagen in Berlin willkommene Abwechslung. Die Abgeordnetenwohnung ist da, warum sie also nicht auch nutzen? Mancher macht dabei ganz neue Erfahrungen mit seinem Nachwuchs.

Ein SPD-Abgeordneter berichtete dieser Tage zum Beispiel, seine heranwachsenden Kinder hätten sich weniger für Vaters Kulturprogramm interessiert als für das Nachtleben. "Um 23 Uhr sind die auf die Piste", erzählt er, "da halte ich nicht mehr mit". Zwar ist auch das Berliner Regierungsviertel ein Bezirk mit sehr eigenen Ritualen. Anders als in Bonn drängt sich der normale Alltag aber hier stärker in das tägliche Leben der Volksvertreter. Ist doch ein sehr angenehmer Nebeneffekt des so lange umstrittenen Umzugs, oder?

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben