Politik : Hinter den Linden: Väterlicher Rat

Robert Birnbaum

Das Verhältnis zwischen Mann und Weib ist ja manchmal kompliziert. Aber wie einfach ist es gegen das Verhältnis zwischen Journalist und Pressesprecher! In jeder Bäckerzeitung erteilt irgendeine Frau Doktor Sommer Rat in Beziehungsfragen. Hat jemand je Tipps gelesen, wie mit Beziehungskisten zwischen J. und P. umzugehen ist? Da traut sich keiner ran.

Es ist so: In der Idealwelt der Pressesprecher steht in den Zeitungen das, was sie den Journalisten als Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt haben. In der Idealwelt der Journalisten steht in den Zeitungen das, was wahr ist. Beide Welten sind selten völlig deckungsgleich. Es gibt viele Wahrheiten. Gäbe es nur eine, bräuchte es keine Journalisten. Und schon sind wir mitten im Schlamassel.

Es kommt nämlich vor, dass so ein Pressesprecher in der Zeitung nicht seine Wahrheit wiederfindet. Sondern womöglich garstige Kritik an seinem Herrn Minister. Was tun? Der Pressesprecher greift zum Ratgeber für Krisen im Eheleben. "Reden Sie miteinander!" steht da. Seufzend ruft der Pressesprecher den Journalisten an und sucht ihn zu überzeugen, dass der Minister ein toller Hecht ist. Das hilft, wenn der Minister wirklich ein Hecht ist. Aber ach, nicht jeder Pressesprecher hat einen Ratgeber fürs Eheleben im Regal. Oder einen Hecht als Chef. So passieren Backfisch-Fehler. Warnt nicht in der Bäckerzeitung Frau Doktor Sommer davor, den Partner mit Mißachtung zu strafen? Und doch versuchen sie es immer wieder. Zum Beispiel wird dann so ein Journalist nicht eingeladen, wenn der Herr Staatssekretär in abendlicher Runde den Geheim-Gesetzentwurf zur Quantenreform vorstellt. Zwei Tage später liest der Journalist, dass alle Kollegen kluge Artikel über die neue Quantenformel geschrieben haben. Nur er nicht, weil er nix davon wusste. Peinlich.

Wenn er allerdings ein guter Journalist ist, dann hört er auf diskretem Wege eben doch von jener Abendrunde. Dann schreibt auch er über die Quantenformel, als wäre er dabei gewesen. Er wird sich freilich fragen, ob ihn denn die Strafe zu Recht traf. Und dann muss so ein Pressesprecher nicht nur Wut im Bauch haben, sondern gute Gründe. Sonst hilft nicht mal der Ehe-Ratgeber weiter. Hinter den Linden ist der letzte Ausweg nämlich versperrt - Scheidung geht nicht.

Da hilft nur väterlicher Rat: Kinder, vertragt euch! Sonst fehlt am Ende in der Zeitung eine von den vielen Wahrheiten. Das wäre eine Strafe. Fragt sich halt bloß, für wen.

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