Politik : Hinter den Linden: Vom Stolze

Robert Birnbaum

Lenzen liegt an der Prignitz, und man ist dort, wie die vaterländische Nachrichtenagentur uns vermeldet, stolz. Nämlich auf "Doretta", 4,8 Kilogramm. Am Sonnabend wird der Gans der Hals umgedreht. Dann landet sie beim Kanzler als Weihnachtsbraten, "unter Beigabe von Rezepten sowie Äpfeln und Pflaumen". Auf was man nicht alles stolz sein kann! Indes, Lenzen liegt im Trend. Seit der CDU-General Laurenz Meyer bekundet hat, er sei durchaus stolz, ein Deutscher zu sein, wird das Wort gesellschaftsfähig. Die Gattin des Vertreters des Landes Baden-Württemberg in Berlin zum Beispiel, Frau Stächele, hat unlängst bekannt, "ein bisschen stolz" zu sein darauf, dass der Weihnachtsbaum vor der Vertretung aus ihrer Heimatstadt Oberkirch kommt. Stolz deswegen, weil jenem Baum der 1. Preis für den geradesten Wuchs zuerkannt worden sei. Wer solche Preise vergibt - der Verband der Lineale herstellenden Industrie? Nun kann ja jeder stolz sein wie er mag. Das Problem ist nur, dass das Wort höchst zweifelhafter Herkunft ist. Die Gebrüder Grimm schwanken im Deutschen Wörterbuch zwischen einer gothischen Wurzel und dem lateinischen "stultus". "Stultus" jedoch heißt "dumm". Tatsächlich klingen frühe Belegstellen nicht durchweg schmeichelhaft: "der Fürsten Stolz" ist wohl am ehesten mit "Hochmut" zu übersetzen; Prätorius vermerkt 1669 knapp: "An dem Stolz man Narren kennt." Meyer immerhin hat gespürt, dass mit dem Wort etwas nicht ganz in Ordnung ist, und er hat später erklärt, ihm persönlich wäre "toll" lieber. Nur: Eine echte Verbesserung ist das nicht. Näheres bei Grimm unter "tolldreist" oder auch "Tollwut".

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