Politik : Hinter den Linden: Vom Vaterland

Robert Birnbaum

Wo sich die folgende Geschichte zugetragen hat, wann und ob überhaupt - das wissen wir nicht. Verlegen wir sie versuchsweise ins Elsässische in die Zeiten einer dieser frühen deutsch-französischen Wirren, bei denen die Heere des Grafen von und zu ... gegen die Heere des Grafen de la ... zogen, im Streit um Ländereien, auf die die beiden hohen Herren aus vermoderten Urkunden der Karolingerzeit Ansprüche abzuleiten geruhten.

Es kam nie recht zur Entscheidungsschlacht; der Krieg scharmützelte lustlos dahin. Ein solches Scharmützel trug sich zu in der Gemarkung des auf deutscher Seite gelegenen Dorfes B..., in einem Wald, in dem die Gemeindegrenze zu dem auf französischer Seite gelegene Dorf A.... verlief. Das Gefecht nahm den üblichen Ausgang: Ein paar unglückselige Kerle im Waffenrock ließen ihr Leben. Einer ließ es auf der Gemeindegrenze. Nun war damals der Brauch, dass die Gemeinde solche armen Sünder auf ihre Kosten zu bestatten hatte. Die von A... und die von B... verstanden sich, ungeachtet der Händel ihrer Herren, eigentlich ganz gut; nur beim Geld hörte der Spaß auf.

Es hub ein Streit an, der sich indessen selbst mit dem Zollstock nicht entscheiden ließ: Der Tote lag zentimetergenau zur Hälfte in A..., zur anderen in B.... Den Zank beendet hat schließlich der Dorflehrer von B... Der konnte ein wenig Latein. "Ubi bene, ibi patria" zitierte der gute Mann und übersetzte sehr frei ins Deutsche: "Wo die Beene liegen, ist er zu Hause." Also ward der Tote in A... beerdigt. Richtig übersetzt heißt der Spruch aber: "Wo es mir gut geht, ist mein Vaterland." So viel für heute zum Nationalstolz.

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