Politik : Hinter den Linden: Vorbild Dorf

Robert Birnbaum

In Westdeutschland haben sie in den 1960er Jahren einen Wettbewerb eingeführt, der ist bis heute ein Renner: "Unser Dorf soll schöner werden." Anfangs hat es sich um eine Art verschärfte Kehrwoche gehandelt. Man hat die Sieger schon an den peinlich genau ausgefegten Rinnsteinen erkannt. Als besonders prämierenswert aber erschien den Juroren jener Jahre üppiger Blumenschmuck. Manches Kaff im finsteren Hochsauerland erweckte damals den Eindruck, als hätten freundliche Hawaiianer es über und über mit Begrüßungskränzen überschüttet. Der Dörfler, seit alters her gewohnt, Natur nur nach Nutzwert zu beurteilen, entdeckte so das Schöne in Gestalt der Geranie. Die Kriterien haben sich geändert. Der Waschbetonblumenkübel am Straßenrand ist out, naturnahe Begrünung ist in. Die Popularität des Wettstreits aber ist ungebrochen. Das liegt nicht an den symbolischen Geldpreisen, auch nicht am Reklameeffekt. Es liegt an der Chance, den Lokalpatriotismus mit amtlichem Siegel versehen zu bekommen. Haben nicht die Ureinwohner von Winningen/Mosel immer gewusst, dass es bei ihnen daheim schöner ist als zum Beispiel in Erpel/Rhein? Jetzt können sie es beweisen: Landes-Gold für Winningen, für Erpel nur minderes Metall.

Für alles, was nach Fläche und Einwohnerzahl größer ist als ein Dorf, fehlt dieser Vergleichsmaßstab. Das ist schade. Wir könnten sonst den sog. "Steffel-Streit" anhand objektiver Jury-Punkte entscheiden. Höchste Zeit also für den Wettbewerb "Unsere Stadt soll schöner werden." Berlin, bevor es sich beteiligt, sollte aber wissen: Hundehaufen gelten nicht als naturnahe Düngung.

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