Politik : Hinter den Linden: Wenn Preußen lachen

Hans Monath

Ausgerechnet in jener Woche, da Preußen seinen 300. Geburtstag feiert, müssen sich die Rheinländer in Berlin mit schockierenden Gerüchten herumschlagen. Nein, es genügt nicht, dass immer mehr Politiker auch noch den Umzug der wenigen in Bonn verbliebenen Ministerien nach Berlin befürworten, um der Bundeshauptstadt des vergangenen Jahrhunderts die letzte politische Bedeutung zu nehmen. Es genügt nicht, dass im Zuge des neuen Zentralismus über eine erschreckend forsche Bundeskulturpolitik geredet wird, deren Exekutoren wahrscheinlich im obersten Stockwerk des wieder aufgebauten Stadtschlosses amtieren sollen. Jetzt geht es um mehr, um alles, um die Seele: Nachdem die alten Machtbastionen der Bonner Republik schon geschleift worden sind, müssen überzeugte Rheinländer in der Bundespolitik nun auch um den Erhalt ihrer kulturellen Identität fürchten. In den Vorzimmern westdeutscher Spitzenpolitiker raunen deren ebenfalls aus dem Westen zugezogenen Mitarbeiter, nun solle den letzten Riten nicht-preußischer Hochkultur klammheimlich der Garaus gemacht werden. Es geht um nichts Geringeres als den Karneval. Der war in Bonn eine so geachtete Institution, dass der politische Betrieb für einige Tage vollständig zum Erliegen kam, während sich Ministerialdirektoren in Jeckenmasken gegenseitig zuprosteten und Sekretärinnen Kanzlern wie Ministern die Krawatten abschnitten. Reguläre Sitzungen des Bundestages sind nun im Reichstag in der letzten Februarwoche zwar nicht anberaumt. Aber werden auch die 23 Ausschüsse des Parlaments die Heiligkeit dieser Tage achten? Sogar Friedrich II. wäre toleranter gewesen als die Herren, die inzwischen in Berlin das Sagen haben. Der ließ wenigstens jeden nach seiner Facon selig werden - und hätte bestimmt auch noch den rheinischen Karneval hingenommen. Den neuen Preußen aber ist offensichtlich alles zuzutrauen. Die lachen nur, wenn eine Fernsehkamera in der Nähe ist.

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