Politik : Hinter den Linden: Wer sich aufregt, lebt

Gerd Appenzeller

Zum Verhaltensritual dieser Stadt gehört die vorauseilende Aufregung. Ein Ereignis muss noch gar nicht richtig eingetreten sein - man kann sich dennoch schon einmal darüber echauffieren. Dem Neubürger scheint diese lokaltypische Verhaltensweise etwas übertrieben. Sie hat aber den unschätzbaren Vorzug, dass man der Realität immer eine Aufregung und damit seiner Zeit weit voraus ist. Für die auf- und abschwellenden Empörungswellen gibt es in der jüngeren Architektur im Regierungsviertel zwei schöne Beispiele - das Kanzleramt und die Schweizer Botschaft. Die Berliner haben Gerhard Schröders neuen Dienstsitz angeblich "Waschmaschine" getauft, wegen der großen runden Glasflächen, durch die man die Regierung im Schleudergang bewundern kann. Der Kanzler selber fand das Bauwerk, wie anfangs die meisten Deutschen, ein wenig groß geraten. Inzwischen hat sich in der Stadt die Aufregung gelegt. Man beginnt, den Reiz des Baus von Schultes und Frank im Spreebogen zu entdecken und ist auf die Neuerwerbung stolz wie Bolle. Ähnlich und trotzdem ganz anders gings mit dem Gegenüber. Was die Architektengemeinschaft Diener & Diener der alten Schweizer Botschaft im wahrsten Wortsinne zugefügt habe, sei schon arg gewöhnungsbedürftig, hieß es zuerst. Die Schweizer Kiste, so nennt man diese und ähnliche Varianten des neuen helvetischen Formen-Minimalismus, müsse wohl eher innere Werte haben. Die entdeckten die Berliner auch schnell hinter all dem Beton - in Gestalt der Frau des Botschafters. Deren PR-Talente kommen dem Berliner Naturell sehr entgegen. Und überhaupt. Nur wer sich aufregt, lebt.

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