Politik : Hinter den Linden

Robert Birnbaum

Der Schneider wird in Volksdichtung und Märchen weidlich verleumdet. Spindeldürre, spitzbärtige Kerlchen, die im sprichwörtlichen Schneidersitz auf ihrem Tisch kauern und zwischendurch arglose Riesen übers Ohr hauen - so das Stereotyp. Die Wahrheit ist eine andere. Wer die doppelte Kappnaht kapiert, durchschaut auch den Rest der Welt mit nadelspitzem Verstand.

Nehmen wir den aus Fleisch und Blut zwar nicht vorhandenen, dafür aber im parlamentarischen Betrieb umso lebhafteren Abgeordneten Jakob Mierscheid (angeblich SPD). Im Bundestagsverzeichnis steht er als "Schneidermeister ade". Als begnadeten Analytiker des Politischen weist ihn das "Mierscheid-Gesetz" aus, das den Zusammenhang zwischen dem Bundestagswahlergebnis der SPD und dem Index der deutschen Rohstahlproduktion im jeweiligen Wahljahr herstellt. Nun hat Mierscheid das geheime Gewebe der politischen Naturgesetze erneut durchdrungen. Das Ergebnis - tut uns Leid, Edmund Stoiber! - ist eindeutig. Nur ein Auszug aus dem anderthalbseitigen Forschungsbericht: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war ein neuer Kanzler älter als der alte. Noch nie hat ein Bundesland zwei Mal einen Kanzler gestellt - und Bayern war mit Ludwig Erhard schon mal dran. Zwischen zwei Juristen im Kanzleramt war außerdem immer einer mit einer anderen Sorte Sachverstand. Der Anfangsbuchstabe des Nachnamens wechselte stets: "Auf ein S kann kein S folgen." Auch herrscht beim Vornamen unbedingte Konsonantenpflicht. Und noch nie ist ein Kanzler am Sonntag geboren worden. Noch nie war einer Dauer-Brillenträger. Und Nichtraucher sowieso nicht: "Egal was, gequalmt haben sie alle."

Das Fazit der historisch vergleichenden Studie ergibt sich wie von selbst. Wenn die aufgezeigten Traditionslinien der Republik Bestand haben, wird der Kandidat ein Kandidat bleiben müssen. So gewiss, wie der Kett- den Schussfaden kreuzt und das tapfere Schneiderlein siebene auf einen Streich erschlug.

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