Hintergrund : Zentralrat der Juden

Der Zentralrat der Juden, dessen Vorsitzender Paul Spiegel am 30. April starb, ist die Dachorganisation der jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Berlin - Der Zentralrat vertritt derzeit rund 110.000 Mitglieder, die mehr als hundert Gemeinden angehören. Die 1950 gegründete Organisation wirkt sowohl nach innen als Verband, der das kulturelle und soziale Leben der jüdischen Gemeinschaft fördert, als auch nach außen als Vertretung der Juden und Ansprechpartner für Politik und Gesellschaft.

Der Zentralrat organisiert das Leben der "Juden in Deutschland" und nicht von "deutschen Juden", wie es frühere Institutionen in ihren Namen deutlich gemacht hatten. Zum Zeitpunkt der Gründung lebten noch etwa 15.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland. Erster Sitz des Zentralrats war von 1950 bis 1984 in Düsseldorf. Anschließend zog das Gremium für 15 Jahre nach Bonn, bevor es im April 1999 im Berliner Bezirk Mitte Quartier in einem traditionsreichen jüdischen Haus bezog. Das Gebäude liegt unweit der Neuen Synagoge, deren goldene Kuppel das Stadtbild Berlins mitprägt.

Das oberste Organ des Zentralrats ist die Ratsversammlung, die als Parlament fungiert. Daneben gibt es das Direktorium als Ländervertretung und das Präsidium. Drei Mitglieder des neunköpfigen Präsidiums werden von der Ratsversammlung gewählt, die übrigen sechs vom Direktorium. Die neun Präsidiumsmitglieder wählen wiederum aus ihrer Mitte den Präsidenten und seine beiden Stellvertreter. Spiegel war am 9. Januar 2000 vom Präsidium zum Präsidenten gewählt worden. Er hatte die Nachfolge des im August 1999 verstorbenen Ignatz Bubis angetreten.

In den vergangenen Jahren stand der Zentralrat vor allem vor der Aufgabe, mehrere zehntausend Juden aus der früheren Sowjetunion zu integrieren. Wegen des starken Stroms von Zuwanderern jüdischen Glaubens aus dem Osten stieg die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik seit 1990 von knapp 30.000 auf derzeit rund 110.000.

Zu den Aufgaben des Zentralrats gehört satzungsgemäß "insbesondere die Förderung und Pflege der religiösen und kulturellen Aufgaben der jüdischen Gemeinden" und "die Vertretung gemeinsamer Interessen der jüdischen Gemeinden" gegenüber dem Bund, Parteien und anderen Institutionen des politischen und gesellschaftlichen Lebens im In- und Ausland. Seit 1990 gehören auch die jüdischen Gemeinden in der früheren DDR zum Zentralrat. Das Gremium unterstützt jüdische Organisationen wie den Bundesverband jüdischer Studenten in Deutschland, es trägt die Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg und gibt die Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" heraus. (tso/AFP)

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