Politik : Hirn für die Politik: Wie Merkel Geburtstag feiert

Peter Siebenmorgen

Berlin - Berechenbar an Angela Merkel ist, dass sie gern verblüfft. Mit der Gestaltung des öffentlichen Teils ihres 50. Geburtstags ist ihr das gut geglückt. Wie gut, bekennt Guido Westerwelle, der FDP-Vorsitzende, an diesem Montagabend: Sein Büro habe die Einladung zunächst in die Absagepost gelegt. Denn nicht etwa zu einem gesetzten Essen oder Stehempfang, sondern zu einem wissenschaftlichen Vortrag hat die CDU gebeten. Thema: „Gehirn - Ein Beispiel zur Selbstorganisation komplexer Systeme.“

Wolf Singer, zweifellos eine der großen Kapazitäten der biologischen Hirnforschung, gelang es famos, sich in einer für die meisten Anwesenden verständlichen Form auszudrücken. Verständnisschwierigkeiten hatte jedoch Edmund Stoiber. Der CSU-Chef fühlte sich nämlich in praktischer Anwendung des soeben Gehörten dazu veranlasst, einen Kalauer auf das politische Geschäft zu versuchen: Die Union könne man durchaus mit Singerschen Begriffen – Ordnung und System– erklären; für Rot-Grün brauche es die Chaos-Theorie. An Bayerns Schulen gewiss, aber nicht in der Staatskanzlei ist also geläufig, dass „chaotische“ Prozesse durchaus auf Ordnung zielen. Wenigstens in der Natur.

Was aber sonst konnte man von diesem Abend mitnehmen? Dass Christdemokratie und dialektischer Materialismus versöhnt sind. Denn auf letzteren läuft es ja hinaus, was Singer aus der Hirnforschung zur Welterklärung anzubieten hat. Sonst noch was? Einiges, was man seit Popper und Bateson längst weiß: Die Natur ist klug, geht reformerisch (evolutionär) vor. Dann klappt es, sonst nicht. Ermutigend auch die Aufforderung zu einer „neuen Bewertung abweichenden Verhaltens“, zu einem neuen „Toleranzbegriff“, der Fehler prima findet (weil man daraus so viel lernen kann). Handreichungen sind das, durchaus. Aber auch eine Alternative zu Rot-Grün?

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