Politik : Hiroshimas andere Seite

Von Clemens Wergin

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Auschwitz und Hiroshima: Das werden für immer die Symbole für die Schrecken des Zweiten Weltkriegs bleiben – die Kleinstadt in Polen, wo die Deutschen den Völkermord an Europas Juden in industriellem Maßstab betrieben, und die Stadt in Japan, die zum Opfer einer Schrecken erregenden waffentechnischen Neuerung wurde, die die Welt bis dahin nicht gekannt hatte.

Die Orte in Polen und Japan zeigen aber auch, wie problematisch die Reduzierung der Geschichte auf Symbole ist. Denn obwohl beide auf jeweils eigene Weise für einen Kulturbruch stehen, haben Hiroshima und Auschwitz wenig gemein – auch wenn das nicht nur von so manchem Japaner anders gesehen wird. Auschwitz verdeutlicht und verschärft den menschenverachtenden, genozidalen Charakter des NaziRegimes. Dagegen sind in Hiroshima und Nagasaki neben unzähligen Unschuldigen wichtige militärische Einrichtungen eines Staates getroffen worden, der zu den aggressivsten und kriminellsten der Geschichte zählte. Hiroshima steht nicht nur für Opfer.

Bis zu 20 Millionen Menschen starben in den von Japan seit 1931 angezettelten Kolonialkriegen. Etwa sieben Millionen wurden von den Japanern nicht bei Kampfhandlungen getötet, sondern kamen bei Massakern an Zivilisten um, durch Zwangsarbeit oder als Kriegsgefangene in japanischen Lagern. Dieses Gesicht der Kriege in Südostasien wurde in Japan von der pilzförmigen Wolke der Atombombe verdeckt. In der japanischen Erzählung von Hiroshima kam die „Enola Gay“ aus heiterem Himmel, aus einem historischen Vakuum, und riss mit ihrer todbringenden Fracht die Menschen aus einer Idylle. In den 80er Jahren wollte eine Gruppe von Aktivisten, dass das Friedensmuseum in Hiroshima auch die Aggressionskriege Japans thematisiert. Das lehnten die Behörden ab. Ähnlich erging es den Koreanern. Ungefähr 40000, die meisten Zwangsarbeiter, kamen durch die Bomben um. Das ihnen gewidmete Denkmal darf weiter nicht im Friedenspark in Hiroshima stehen, weil der Mythos von der unschuldigen Stadt dadurch Risse bekäme.

Einem großen Teil der japanischen Gesellschaft diente Hiroshima dazu, sich von Tätern zu Opfern zu stilisieren. Die Bombenabwürfe sind eine von vielen Ursachen für die wenig überzeugende Aufarbeitung der eigenen Kriegsverbrechen. Den Toten, den furchtbar Entstellten und den noch in zweiter oder dritter Generation erkrankten Japanern nimmt es nichts von ihrem Leid, wenn man darauf besteht, dass Hiroshima nicht Auschwitz ist. Es war vielmehr das furchtbare Schlusskapitel des Krieges im Pazifik, der von Japan begonnen und mit äußerster Grausamkeit geführt worden war.

Nur vor dem Hintergrund des schlimmsten weltumspannenden Krieges, den die Menschheit je erlebt hat, kann man verstehen, warum die Amerikaner das Atom über Japan entfesselten. Und warum sie nach dem hohen Blutzoll für die Befreiung Europas nicht bereit waren, das Leben von hunderttausenden Soldaten aufs Spiel zu setzen, um Japan mit konventionellen Waffen in die Knie zu zwingen. Die japanische Armeeführung wollte wie Hitler bis zum letzten Mann kämpfen, obwohl der Krieg längst entschieden war. Selbst nach der Bombe über Nagasaki waren die Militärs nicht bereit zu kapitulieren. Die Amerikaner haben mit den Kriegsverbrechen von Hiroshima und Nagasaki unendliches Leid über die Menschen gebracht. Sie haben aber auch viele Japaner davor bewahrt, von ihrer eigenen fanatischen Führung geopfert zu werden.

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