Historie : "Die Deutschen gewinnen mehr Territorium als unter Hitler"

Britische Geheimdokumente belegen die Skepsis Maggie Thatchers, aber auch des damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrands gegenüber der Wiedervereinigung.

Matthias Thibaut[London]
299311_0_b318c179.jpg
François Mitterrand. -Foto: dpa

Nicht nur Premierministerin Margaret Thatcher, auch der französische Präsident François Mitterrand ließ sich aus Angst vor der deutschen Wiedervereinigung zu Beschwörungen von Hitler und den bösen Deutschen verführen. Das belegen fast 1000 Seiten diplomatische Dokumente und Kabinettspapiere, die am heutigen Freitag vom britischen Außenministerium veröffentlicht werden – im Vorgriff auf die Regel, nach der solche Staatspapiere 30 Jahre lang geheim bleiben. Dokumentiert wird der monatelange Zermürbungskrieg, in dem britische Diplomaten versuchen, Thatcher zu einer konstruktiveren Haltung zur Wiedervereinigung zu bringen.

Thatchers Skepsis war bislang bekannt; besser verbarg Mitterrand seine Befürchtungen vor den Historikern. Ein geheimes Protokoll dokumentiert nun, wie Mitterrand beim Lunch im Elyséepalast die „hässlichen Deutschen“ am Werk sieht. Am 20. Januar 1990 beratschlagten die beiden, ob und wie eine Wiedervereinigung verlangsamt, wenn schon nicht verhindert werden könne. „Die Aussicht auf die Wiedervereinigung war ein mentaler Schock für die Deutschen. Er hat sie wieder zu den „bösen“ Deutschen von einst gemacht“, sagte Mitterrand zu Thatcher und sprach von der „Brutalität“, mit der Kohl die Einheit Deutschlands unter Ausschluss aller anderen Überlegungen vorantreibe. Deutschland werde seinen Wunsch nach Wiedervereinigung erfüllen und Österreich in die damalige Europäische Gemeinschaft bringen „Sie können mehr Territorium gewinnen, als sie unter Hitler hatten.“ Wochen zuvor hatte Thatcher in einem Treffen mit Mitterrand schon einmal eine Landkarte aus der Handtasche gezogen und dies bestätigt.

Für Thatcher war der Fall der Mauer „kein freudiger, sondern ein gefährlicher Moment“. Sie sah im Fernsehen, wie die Menschen über die Mauer kletterten. Am Abend noch rief Bundeskanzler Helmut Kohl sie an und berichtete vom Jubel der Menschen. Später kam der sowjetische Botschafter in die Downing Street, „normalerweise kein gutes Zeichen“, erinnert sich Charles, heute Lord Powell, Thatchers engster Berater. „Thatcher wusste aus der Geschichte, dass der Fall großer Reiche große Vorsicht erfordert“, erinnert er sich.

Kohl bescheinigte Mitterrand in seinen Memoiren, ein „Doppelspiel“ gespielt zu haben. Er gab Kohl grünes Licht für die Wiedervereinigung, bremste aber im Hintergrund. Thatcher dagegen spornte er – wie die Dokumente zeigen – an, ihre Sorgen hinauszuposaunen. Sie sei immer sehr empfindlich gegenüber einer Wiedervereinigung gewesen, sagte sie am 8. Juni 1990 zum sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, „genau so wie Präsident Mitterrand. Der Unterschied war, dass ich es öffentlich sagte und Mitterrand nicht“.

Mitterrand nutzte seine Vorbehalte, um Druck auf Deutschland auszuüben und etwa die Währungsunion einzufordern. Thatcher raubte sich selbst durch ihre harsche Haltung viel Einfluss. „Großbritannien gilt als der am wenigsten positive der drei Westalliierten, und der unwichtigste“, schrieb Botschafter Sir Christopher Mallaby aus Bonn: „Er scheint die Wiedervereinigung zu begrüßen“, schrieb Thatcher sarkastisch an den Rand seiner Depesche. Thatchers Vorbehalte hatten mehrere Ursachen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Sowjetunion Ostdeutschland ohne Widerstand in die Nato ziehen lassen würde – und sie fürchtete, die Auflösung des Warschauer Pakts werde Gorbatschow zu Fall bringen und die Demokratisierung Russlands vereiteln, ihr edelstes Ziel. Darüber hinaus fürchtete sie, Deutschlands Wirtschaftskraft werde das Gleichgewicht in der EU durcheinanderbringen.

Thatchers größter Triumph, der Fall des Kommunismus, mündete schließlich in ihrer eigenen geschichtlichen Irrelevanz. Im Juli 1990 musste Umweltminister Nicholas Ridley zurücktreten, weil er sagte, was Thatcher dachte: Die EG sei ein „deutscher Schwindel, um Europa zu übernehmen“, ebenso gut könne man es Hitler aushändigen. Vier Monate nach Ridley musste Thatcher gehen. Ihre eigene Partei wurde Zeuge, wie sie Großbritannien mit ihrem schrillen Antieuropäismus weitgehend isoliert hatte.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben