Politik : Historiker-Kommission klagt Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg an

Jan Dirk Herbermann

Schwerste Vorwürfe gegen Schweizer Behörden während des Zweiten Weltkrieges hat ein unabhängiges Historiker-Gremium erhoben. Mit der Abriegelung ihrer Grenzen für verfolgte Juden hätten die Eidgenossen dazu beigetragen, "dass das NS-Regime seine Ziele erreichen konnte". Die Wissenschaftler der Bergier-Kommission (siehe Kasten) urteilen in einem am Freitag in Bern vorgestellten Bericht: "Eine am Gebot der Menschlichkeit orientierte Politik hätte viele Tausend Flüchtlinge vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten und ihre Gehilfen bewahrt."

Die schweizerische Bundespräsidentin Ruth Dreifuss entschuldigte sich nach der Veröffentlichung für die damalige Asylpolitik, "die von Fehlern, Unterlassungen und Zugeständnissen geprägt" war und durch "nichts wieder gut zu machen" sei. Dreifuss, die Jüdin ist, sagte: "Uns bleibt nur, uns ehrfürchtig vor dem Schmerz jener zu verneigen, welche unsagbarem Leid, der Deportation und dem Tod ausgesetzt wurden, nachdem ihnen die Einreise in unser Land verweigert worden war."

Besorgt äußerten sich die schweizerischen Bischöfe: Sie fürchten, der Bericht könne wieder antisemitische Gefühle in der Schweiz wecken. Die nationalistische Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS) schlug hingegen scharfe Töne an: Linke Historiker aus dem In- und Ausland maßten sich an, über die Schweiz zu Gericht zu sitzen. AUNS-Chef Christoph Blocher hatte Ende Oktober einen triumphalen Sieg bei den Schweizer Parlamentswahlen errungen. Schon im Vorfeld hatte die Parlamentsfraktion von Blochers Schweizerischer Volkspartei die "Zurückweisung" der Studie gefordert. Radikal äußerte sich der SVP-Abgeordnete Ulrich Schlüer: Er setzte die Historiker mit "dummen Lausbuben" gleich, die eine "gehörige Tracht Prügel" verdienten. Auch Vertreter der politischen Mitte, wie der Chef der schweizerischen FDP, Franz Steinegger, verurteilten den Report wegen "tendenziöser genereller Bewertungen". Außenminister Joseph Deiss empfahl, die Veröffentlichung der brisanten Schrift zu verschieben.

Für die Jahre 1940 bis 1945 dokumentiert Bergier in der neuen Studie rund 24 500 "Wegweisungen" von Flüchtlingen an der Grenze. Aber: Die Zahl der tatsächlichen Wegweisungen "dürfte höher" liegen. Hart gehen die Wissenschaftler mit der Grenzschließung für "rassisch Verfolgte" 1942 ins Gericht. "Die Bundesbehörden (insbesondere Diplomatie, Armee und Polizei) hatten ab 1941 Kenntnis von den systematischen Massentötungen und ab 1942 vom Programm zur Vernichtung der Juden in Europa." Zudem fanden die Geschichtsforscher keine Beweise, "dass die Öffnung der Grenze einen Angriff der Achsenmächte provoziert oder unüberwindbare wirtschaftliche Schwierigkeiten verursacht hätte".

Mit dieser Argumentation versuchten die Eidgenossen nach dem Krieg ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Aus dem schweizerischen Blickwinkel hätten die Juden als kleine Minderheit gegolten, als Opfer barbarischer Gewalt, "die jedoch ihre Parallelen in den Judenverfolgungen früherer Epochen oder in der Verfolgung anderer Opfer der Nationalsozialisten hatte".

Die Schweizer Das-Boot-ist-voll-Mentalität wurde von einem verbreiteten Antisemitismus getragen. Deshalb operierten schweizerische Beamte zwischen 1936 und 1940 mit dem "J-Stempel". Nach dem Praxistest drängten die Schweizer die deutschen Behörden, die Pässe deutscher Juden auch mit dem "J" zu kennzeichnen. Dadurch sollte die Einführung der Visumpflicht abgestützt werden, die Bern 1938 für deutsche "Nichtarier" einführte. "Ohne J-Stempel wäre es jedoch vielen Opfern des Nationalsozialismus möglich gewesen, über die Schweiz oder andere Staaten der Verfolgung zu entkommen."

Die Bergier-Kommission hält aber auch die Hilfe der Schweizer für die verfolgten Juden fest: 21 000 jüdische und 51 000 Zivilflüchtlinge hatte das kleine Land aufgenommen. Privatpersonen und Banken hätten mit mutigen Aktionen und Millionenbeträgen vielen Juden das Leben gerettet.

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