• Historiker Moshe Zimmermann über Gaza: „Es gibt nur Hoffnung auf den nächsten Waffenstillstand“

Historiker Moshe Zimmermann über Gaza : „Es gibt nur Hoffnung auf den nächsten Waffenstillstand“

Die Gewalt im Nahen Osten eskaliert. Der Historiker Moshe Zimmermann erklärt im Tagesspiegel-Interview, warum das immer wieder geschieht und warum der Weg aus der Gewalt-Spirale so schwer ist.

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Israelische Soldaten überprüfen ihre Waffen nahe der Grenze zum Gaza-Streifen.
Israelische Soldaten überprüfen ihre Waffen nahe der Grenze zum Gaza-Streifen.Foto: Reuters

Die Gewalt der vergangenen Tage im Nahen Osten hat bereits Dutzende Menschen das Leben gekostet. Warum ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern so blutig?

Wir sehen gerade ein Spiel, das sich wiederholt. Bis zu einem Waffenstillstand glauben beide, etwas haben zu müssen, was sich als Erfolg präsentieren lässt. Heute zum Beispiel ist der Beschuss der Hamas intensiver, das interpretiere ich so, dass sie sich für eine Verhandlungssituation rüsten wollen. Am Ende steht eine Waffenruhe und jede Seite reklamiert für sich, sie sei die erfolgreichere gewesen, sie habe den Sieg errungen. Für Israel heißt das, dass Ruhe ist, dass keine Raketen fallen. Für die Hamas heißt das, dass sie Jerusalem und Tel Aviv beschießen konnte. Gleichzeitig versuchen beide zu zeigen, welch katastrophale Schäden sie erlitten haben.

Ein Spiel, aber ein tödliches. Die Kleinsterfolge in diesem Stellungskrieg kosten Menschenleben.

Das ist ein sehr europäischer Einwand. Hier bei uns heißt das: Die andern sind schuld, wir mussten reagieren.

Stimmen Berichte, dass es in Israel gar keinen Wunsch mehr nach Frieden gibt?

Nein, alle wollen den Frieden. Es ist nur die Frage, was sie meinen. Was die Linke unter Frieden versteht, wird von 80 Prozent der Israelis nicht mehr geteilt. Das heißt: Kein Rückzug, kein Verzicht auf Land und ein Verständnis von Israel als jüdisch im ethnischen und religiösen Sinne. Das Gegenteil davon wäre aber eine Voraussetzung für Frieden im üblichen Sinne. Für die meisten Israelis ist das, was der normale Europäer von ihnen erwartet, nicht Frieden, sondern Kapitulation und Dummheit.

Moshe Zimmermann.
Moshe Zimmermann.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das reduziert die Möglichkeiten.

In der Tat. Im heutigen Israel haben wir einen ethnisch-religiösen Nationalismus, auf palästinensischer Seite Islamismus. Beides radikalisiert und verschärft.

Was tun?

Ich sehe das komplette Versagen eines Erziehungsprozesses zum Frieden. Wir hatten 1993 die große Chance des Osloer Abkommens. Statt sich auf dieser Basis anzunähern und Vertrauen zu bilden, hat man Schritt für Schritt die Grundelemente von Oslo ruiniert. Heute sind wir nicht auf dem Stand von damals, sondern davor. Es ist noch schlimmer. Und niemand kennt den Weg aus dieser Spirale. Es heißt: Wir haben es doch schon mal versucht, aber es hat nicht funktioniert.

In Nahost droht ein neuer Krieg
Ein israelischer Soldat ruht sich aus und hört Radio. Seit Mittwoch den 21. November besteht eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas.Weitere Bilder anzeigen
1 von 73Foto: AFP
22.11.2012 17:54Ein israelischer Soldat ruht sich aus und hört Radio. Seit Mittwoch den 21. November besteht eine Waffenruhe zwischen Israel und...

Aber den Versuch, meinen Sie, hat es nicht ernsthaft gegeben. Was hat gefehlt?

Der Mut beziehungsweise das Interesse daran, die radikalen Kräfte kaltzustellen. Auf israelischer Seite war es damit nach dem Mord an Rabin zu Ende. Beide Seiten finden es leichter, den Radikalen gegenüber nachgiebig zu sein, als gegen sie vorzugehen. Eine andere, eine Friedenspolitik müsste Rückendeckung durch eine Erziehung zum Frieden bekommen. Aber niemand ist daran interessiert.

Warum gibt es dafür keinen Druck von innerhalb beider Gesellschaften?

Weil man so blind und frustriert ist, sieht man sein Heil im Radikalismus, im Entweder-Oder, einer „Endlösung“. Ich kann sehr gut verstehen, dass das für Europäer unverständlich ist. Sie wissen in Europa seit 1945, dass Krieg die schlechte Alternative ist.

Im Nahen Osten ist das anders. Wobei: Unter Druck greifen auch Europäer zu radikalen Mitteln. Als ich in den 70er Jahren in Deutschland war und der RAF-Terror die Menschen verunsicherte, gab es viele, die nicht mehr die Zuversicht hatten, dass es die Demokratie schon schafft. So entstand der Radikalenerlass und der Ruf nach radikalen Maßnahmen.

Doch zum Glück dauerte die Gefahr nur ein Jahrzehnt. Bei uns sind es mindestens vier Jahrzehnte. So ist es schwer, dieses Muster zu ändern: Noch mehr Härte, noch mehr Repression.

Gibt es Hoffnung?

Die auf den nächsten Waffenstillstand. Das Ende einer Runde im Boxkampf, von außen, womöglich den USA erzwungen.

Nicht mehr?

Nein, nicht mehr, solange wir nicht an die Wurzeln gehen und klären, wie ein Miteinander, mindestens ein Nebeneinander zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen wäre.

Moshe Zimmermann ist Historiker und Experte für die Geschichte der deutschen Juden. Er lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Mit ihm sprach Andrea Dernbach.

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