Politik : Historischer Tatendrang

Bayerns Freie Wähler nähern sich der SPD an – vielen an der konservativen Basis passt das nicht.

von

München - Nach 54 trostlosen Oppositionsjahren bläst die Bayern-SPD zu ihrer bisher größten Offensive: Mit dem populären Ude soll die historische Tat gelingen, die CSU bei den Landtagswahlen im Herbst 2013 aus der Regierung zu katapultieren. Das allerdings kann nur in einem Dreier-Bündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern (FW) gelingen – zusammen liegen alle drei derzeit in Umfragen bei 44 Prozent, gleichauf mit der CSU. Dafür wiederum braucht man den FW-Chef, deshalb hatte Ude im vergangenen Oktober die Aktion gestartet „Wir fangen jetzt den Hubert Aiwanger“.

Am 30. Oktober 2011 reiste der Stadtmensch Ude in die Provinz, nach Rahsdorf in Niederbayern, um dort den ihm bis dahin persönlich unbekannten 41-jährigen Aiwanger auf seinem Bauernhof kennenzulernen und – wenn möglich – mit ihm anzubandeln. Die Frage der Anrede löste Ude gleich zu Beginn mit der Bemerkung: „Ich habe Dir noch nie das ‚Sie’ angeboten.“ Seitdem sind sie der Christian und der Hubert. Neben der Einigkeit in fast allen Politikfeldern blieb vor allem das Foto des lachenden Ude mit einem quiekenden Schweinchen auf dem Arm haften. Die SPD-PR-Strategen lernen dazu.

Nun gibt es den Gegenbesuch, mit einem Programm fast wie für einen Staatsbesuch: An diesem Wochenende ist Aiwanger in Udes Privatwohnung in München-Schwabing zu Gast. Gleich vor der Tür wollen sie das erste Pressestatement abgeben. Beim Mittagessen wird ein „Acht-Augen-Gespräch“ geführt, Ude bringt seinen Landeschef Florian Pronold mit, Aiwanger den FW-Fraktionsvize Michael Piazolo.

Es folgt Pressestatement Nr. 2, dann stehen 15 Minuten Fußmarsch zur Münchner Freiheit an. Bürgernah fährt man mit der U-Bahn zum Karl-Marx- Ring nach Perlach. Dort dürften verängstigte Mieter Spalier stehen, denn Christian führt den Hubert zu den umstrittenen Wohnungen der GBW, einer Immobilientochter der maroden Bayern-LB. Die bayernweit 33 000 Wohnungen müssen verkauft werden, Staatsregierung und SPD liefern sich einen heftigen Kampf, ob sie von den Kommunen oder vom Freistaat übernommen werden – oder ob am Ende gar ein böser Privatinvestor zum Zuge kommt. Nach Pressestatement Nr. 3 steht der Besuch einer Windkraftanlage an. Danach – die Abschlussstatements.

Einigen Freien Wählern ist dieser Ude- Aiwanger-Hype mittlerweile zu viel. Der FW-Chef hat seine einst unabhängige kommunale Wählergemeinschaft schon so sehr auf den Münchner OB festgelegt, dass er nach der Wahl kaum mehr zur CSU schwenken kann. Das aber hätten manche lieber. So ist etwa Ende Januar der komplette Vorstand der Jungen Freien Wähler zurückgetreten wegen Aiwangers „Kuschelkurs“ mit Ude. Der Parteinachwuchs verweist darauf, dass die FW im Kern bürgerlich und wertkonservativ seien. Patrick Guyton

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben