Politik : Hitlers Jugend darf nicht verurteilt werden

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Sie, Herr Bernt Conrad, möchte ich doch fragen: Warum haben Sie, der Sie in Ihrem Artikel „Verlorene Jugend“ vom 12. Dezember an den jetzigen Zuständen so scharfe Kritik üben, diese nicht auch früher erprobt? Ich selbst bin fünf Jahre älter als Sie, habe also meine ganze Jugend unter Hitler verlebt; daß er aber mein oder meiner Freunde „Idol“ war, möchte ich sehr entschieden ablehnen. Im Jahr 1933 rollten die Ereignisse, von uns Elfjährigen nicht gefördert, nicht gehindert und nicht verstanden, ab.

Ursula Eschricht, BerlinCharlottenburg, 5. Januar 1946

Man urteilt über das Greisenhafte der Jugend, aber ist das ein Wunder? Verurteilt uns nicht so hart, wenn wir alt wirken; wir selbst leiden ja am meisten unter dem Verlust unserer Jugend. Urteilt nicht so streng über die Jugend! Ist es unsere Schuld, daß wir im Alter der größten Biegsamkeit waren, als man uns bog, wie man uns brauchte, daß wir dem Nationalsozialismus keine Weltanschauung entgegensetzen konnten, wie es das Alter konnte und doch oft nicht tat?

Aber wir sind noch biegsam genug, um uns noch einmal biegen zu lassen. Nur Zeit kostet es und ein bißchen Liebe.

Anneliese Schöning, Berlin-Friedrichsfelde, 9. Mai 1946

Ich gehöre zu der unter Hitler groß gewordenen Jugend und muß als Resultat meiner Erfahrungen sagen, daß von einer Schuldlosigkeit der Jugend keine Rede sein kann. Es stimmt wohl, daß Elternhaus und Schule den Samen ausstreuten, daß er aber so giftig aufging, war nicht nur die Folge der allgemeinen Verhetzung. Gewandert und gezeltet hat die Jugend zu jeder Zeit gern. Der Nationalsozialismus aber tat ja bedeutend mehr, und wer bei den „Schulungsabenden“ aufmerkte, dem konnte das menschheitsvernichtende Ziel nicht verborgen bleiben. Den Weg zur Demokratie kann man nicht damit beginnen, daß man der Jugend das eigene Urteil abspricht.

Ute Bruchmann, Münster,

24. April 1947

Daß mit unserem Idealismus ein gewaltiger Betrug verübt worden ist, wissen wir heute; es hieße, ein neues Unrecht begehen, wollte man den Glauben der Jugend zur „Schuld“ erklären. Wer kann von einem Sechzehn- oder Siebzehnjährigen erwarten, daß er ein politisches Intrigenspiel durchschaut? Es geht nicht an, von einer Mitschuld der Jugend zu sprechen, wenn dieser Jugend Wandern und Zelten, wie Ute Bruchmann selbst schreibt, näherstehen als Politik.

Walter Muschner, Berlin NO 55,

15. Mai 1947

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