Politik : …Hitlers Schatten auftaucht

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An diesem Sonntag wird im Berliner Reichstag der neue Bundespräsident gewählt, es erledigen dies 1205 Wahlfrauen und Wahlmänner der Bundesversammlung. Näheres regelt das Grundgesetz, Abschnitt V, Artikel 54 bis 56. Der Gewinner steht quasi fest, deswegen wirkt diese demokratische Wahl nicht besonders prickelnd. Richtig aufregend aber sind die Biografien der beiden ältesten Mitglieder der Bundesversammlung: Dr. Hans Filbinger, 90, und Prof. Dr. Hans Lauter, 89. Filbinger ist von der CDU nominiert worden, Lauter von der PDS.

Zwei Lebensläufe, die exemplarisch von deutscher Geschichte erzählen: Hans Filbinger war 1945 Marinestabsrichter der Nationalsozialisten und hat Todesurteile verhängt. Hans Lauter ist 1936 vom Volksgerichtshof der Nazis zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden, wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Der Christdemokrat Filbinger hat in der BRD Karriere gemacht, der Kommunist Lauter in der DDR. Filbinger studierte Jura und Volkswirtschaft in Freiburg, Lauter lernte Glasschleifer in Chemnitz. Als Filbinger an seiner Promotion saß, saß Lauter im Zuchthaus. Als Filbinger 1951 in die CDU eintrat, war Lauter schon Mitglied des ZK der SED, zuständig für Kultur. Er geißelte damals in einem Referat eine Oper von Bert Brecht und Paul Dessau sowie „die zunehmende amerikanische Kulturbarbarei“.

1966 wurde F. in BadenWürttemberg Ministerpräsident; er folgte Kurt Georg Kiesinger, der dann als Bundeskanzler berühmt wurde, weil Beate Klarsfeld ihm mit den Worten „Nazi, Nazi“ eine Ohrfeige verabreichte. 1978 hat der Schriftsteller Rolf Hochhuth die Geschichte des „furchtbaren Juristen“ F. veröffentlicht und dessen Todesurteil gegen einen Deserteur. Legendär Hans Filbingers Verteidigung: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Weitere Todesurteile gab F. erst zu, als belastende Dokumente auftauchten. Er musste zurücktreten. Hans Lauter wurde 1974 Professor im marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium der TH Karl-Marx-Stadt.

Die Zeit geht dahin und damit die Gelegenheit, dass sich zwei Deutsche mit solchen Biographien begegnen. Morgen, am Sonntag, ist es sogar bei einem Staatsakt möglich, wahrscheinlich zum letzten Mal. Nach der Wahl bittet Hausherr Wolfgang Thierse zum Empfang im dritten Stockwerk des Reichstags, es gibt dort ein „Buffet von vier Himmelsrichtungen“. Filbingers südliche Heimat liefert dazu Schwarzwälder Wurstsalat und Saibling. Aus Lauters östlicher Heimat kommen Bouletten mit Senf.not

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