Politik : Hitzefantasie

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Jajaja, schon recht! Wir haben es auch gemerkt, ja doch! Es ist heiß. Unerträglich. Gesamtwirtschaftlich schlägt sich das wahrscheinlich positiv nieder, für etliche Zweige der Landwirtschaft ist es schlecht, für die parlamentarische Demokratie und die Menschheit aber ist es ein Segen. Die Hitze kommt erstens zum richtigen Zeitpunkt. In der Sommerpause ist der Abgeordnete nicht hier, auch der Mitarbeiterstab, der rund um den Reichstag die Wacht halten muss, ist sehr überschaubar. Das ist gut so. Die schönen, neuen Abgeordnetenhäuser sind nämlich mit einer schönen, neuen, volltotalöko Klimaanlage ausgerüstet. Die Anlage hält nach kürzlich veröffentlichten Messungen des Fraktionsgeschäftsführers Peter Ramsauer von der CSU für eine sehr zuträgliche Durchschnittstemperatur von 22,5 Grad Celsius. Sie tut das dergestalt, dass sie im Winter das Thermometer auf etwa 15 Grad fallen, im Sommer dafür gerne mal auf 32 Grad und höher steigen lässt. Wie eine Politik aussähe, die unter solchen Bedingungen ausgekocht würde – oh je. Ganz schlecht für das Ansehen der Demokratie. Deshalb ist es gut, dass die Hitze jetzt ist. Überhaupt ist die Hitze gut. Gehen Sie mal ins Naturkundemuseum und betrachten Sie das Skelett des Riesengürteltiers Glyptodon calvipes. Das Viech hat in der Eiszeit gelebt. Und wenn Sie genau hinsehen, werden sie erkennen: Glyptodon lächelt. Es weiß nämlich, dass die nächste Eiszeit kommt. Die Reste der Menschheit werden am Rand des mittelmeerischen Salzsees ein karges Dasein fristen, Glyptodons frostfeste Nachfahren aber werden die Erde wieder beherrschen. Darum genießt die Hitze, so lange es sie noch gibt! Was sind lumpige fünf Millionen Jahre?

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