Politik : Hobby im Keller

Waren sie nicht auch rührend, die Schmetterlingsjäger und Briefmarkensammler? Heute stehen die Steckenpferde im Stall. Oder galoppieren auf dem Display.

Danela Pietrek
2012
2012Foto: picture alliance / dpa Themendie

Fragt man einen Teenager, zum Beispiel den 14jährigen Luca aus Hamburg, nach seinem Hobby, sieht er einen erstaunt an und murmelt: „Hobby“, als kenne er dieses Wort nicht, um sich gleich darauf wieder konzentriert seinem iPhone zu widmen. Fragt man weiter: „Was machst du gern in deiner Freizeit?“, gibt Luca mit gesenktem Blick auf sein iPhone die aufschlussreiche Antwort: „Na, iPhone natürlich.“

IPhone als Hobby? Ein interessanter Aspekt, und auch nicht völlig abwegig, besitzen doch heute neun von zehn Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren in Deutschland ein eigenes Handy. Aber ist ‚iPhone' wirklich ein Hobby?

„Machst du Sport, liest du gern, sammelst du zum Beispiel Briefmarken?“ Auf die Frage nach den Briefmarken kann Luca im Zeitalter von E-Mails nicht antworten, daher schweigt er... „Also, was machst du gern, wenn du nicht zur Schule gehst?“ Mit leicht genervtem Blick legt Luca sein iPhone-Hobby kurz auf seinem Oberschenkel ab, ohne es jedoch aus der Hand zu lassen: „Also lesen, das ist nicht so mein Ding, dann lieber was am Computer machen. Und ich spiele Tennis, dreimal die Woche. Aber das ist ja wohl kein Hobby! Das ist ja Sport“, fügt er geistesabwesend hinzu und widmet sich wieder seinem iPhone.

Somit gehört Luca zu den 11,6 Prozent der Deutschen, die 2011 mehrmals wöchentlich Sport getrieben haben. Aber er ist auch einer von 30,7 Prozent, die sich mehrmals wöchentlich mit dem PC beschäftigten. Keinesfalls aber gehört er zu den 2,8 Prozent, die regelmäßig und intensiv stricken. Sind also Computer und iPhone die Hobbys der jungen Generation? Bei einer repräsentativen Kernumfrage der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen beträgt der durchschnittliche Freizeitumfang für alle Personen ab 14 Jahren vier Stunden und drei Minuten pro Werktag. Aber was tut der Deutsche in seiner Freizeit. Hat er überhaupt noch Hobbys?

Hobby, englisch „Steckenpferd“, wird im Lexikon als Freizeitbeschäftigung zur Pflege persönlicher Interessen, Neigungen oder Talente definiert. Aber was bedeutet das jetzt, hier und heute? Persönliche Interessen?!

Der Vater einer Schulfreundin, ein erfolgreicher, viel arbeitender Geschäftsmann – nennen wir ihn Herrn A. – , dieser Herr A. also lebte seine persönlichen Interessen in den 70er und 80er Jahren voll und ganz aus. Urlaub mit der Familie? Dafür hatte Herr A. keine Zeit. Denn wenn Herr A. Urlaub machte, und das machte er einmal im Jahr, fuhr er allein. Meist ging es nach Österreich oder Süddeutschland: Denn dort gab es die schönsten und ausgefallensten Exemplare, die er für sein Hobby brauchte: die Schmetterlinge waren sein persönliches Interesse. Mit diesen Exemplaren und niemand anderem sonst verbrachte der Herr A., den Strohhut auf dem Kopf, den Kescher in der Hand, seine Sommerurlaube. Und an den langen Winterabenden dann, wurden die gefangenen Schmetterlinge präpariert und hinter eigens für sie selbst gefertigte Glasrahmen gesteckt. Ein seltsames Hobby?! Die Tochter des Herrn A. versicherte damals glaubhaft, ihr Vater würde sich da am besten entspannen. Und dass man ihn bei seinem Hobby keinesfalls stören dürfe! Wegen der Entspannung. Höfliche Bewunderungsbekundungen seien aber durchaus willkommen und erlaubt.

Mein Vater antwortete auf die Frage nach seinem Hobby: „Hobby?! Dafür habe ich keine Zeit. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Da er sich sogleich wieder konzentriert über eine Zeichnung auf dem Reißbrett beugte, war von weiteren Störungen bei der Ausübung seines Hobbys besser abzusehen.

In den 60er Jahren moderierte Peter Frankenfeld im ZDF die Talentshow „Und Ihr Steckenpferd?“. Hier konnten Menschen ihre ausgefallenen Hobbys präsentieren. Das reichte vom Rückwärtssprechen bis hin zum beidhändigen Malen, oder die geladenen Gäste konnten jodeln. Die Jacob-Sisters, als „singende Unikate“, waren beispielsweise eine der Entdeckungen dieser Hobby-Show. Doch das ist 50 Jahre her und heute sind diese Hobbys nicht mehr als ausgefallen zu bezeichnen. In den 70er und 80er Jahren gab es die Quizshow „Der große Preis“ mit Wim Thoelke, für die drei Kandidaten ausgewählt wurden, die sich mit einem Spezialgebiet, mit dem sie aber nicht beruflich verbunden sein durften, bewarben. Menschen mit einem Steckenpferd eben.

Doch wo liegen die Leidenschaften unserer Gesellschaft heute? Meine Großmutter, die strickte und häkelte in jeder ihrer freien Minuten, von Eierwärmern bis hin zu roten Häkelherzen am Weihnachtsbaum, wenn sie nicht in der Küche stand und kochte. Kochen wird heute bei Umfragen oft als Hobby angegeben, und hört man sich im Freundeskreis um, ist man eins, zwei, drei umgeben von „Hobbyköchen“. Meine Großmutter hätte sich nie als „Hobbyköchin“ bezeichnet. Heute geben 34% der Befragten einer Umfrage an, dass sie „regelmäßig und intensiv“ kochen. Regelmäßig und intensiv, ja das tat meine Großmutter auch. Tagtäglich, von Kompott, Marmelade und den Backkünsten einmal ganz abgesehen. Doch meine Großmutter hätte diese Notwendigkeit, ein gutes Mahl auf den Tisch zu bringen, wohl kaum als Hobby bezeichnet. Und gibt es den Ausdruck „Hobbyköchin“ überhaupt? Hingegen der „Hobbykoch“, das kennt man. Nicht zuletzt aus dem Fernsehen.

Das Fernsehen ist und bleibt die häufigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Ungeschlagen steht es laut einer Studie seit 25 Jahren auf dem ersten Platz. Fast 97 Prozent der Bundesbürger schalten regelmäßig, das heißt, wenigstens einmal pro Woche, den Apparat ein.

Daher haben wir doch das Kochen gelernt, fangen an, uns wieder in die Küche zu stellen und kochen die Rezepte, die wir uns zuvor aus dem Internet heruntergeladen haben, nach. Oder versuchen es zumindest. Somit könnte man meinen, dass die Kochshows ein neues Hobby kreiert haben, das Kochen. Und begeisterte Fernsehzuschauer sehen den gestylten Köchen in sterilen Studioküchen bei ihrer Tätigkeit zu. Natürlich kann das Spaß machen. Noch mehr Spaß hätte man aber vielleicht, wenn man das Gesehene auch riechen und schmecken könnte, und nicht auf die Aussage der Publikumstester, die dann immer so ein kleines Tellerchen offeriert bekommen und ein „Schmeckt wirklich (!) phantastisch!“ ausrufen, vertrauen müsste. Ist nun das Ansehen von Kochsendungen schon ein Hobby? Oder ist es Kochen, also eigentlich ja Essen? Frei nach Tim Mälzers Motto „Schmeckt nicht gibt's nicht“, kann jeder etwas in die Pfanne legen und sich als „Hobbykoch“ bezeichnen? Und ist Kochen ein Hobby, so wie Fußballspielen, Angeln oder Briefmarken sammeln? Meine Großmutter würde vehement mit dem Kopf schütteln und sich nur wundern: „Kochen aus dem TV - wie soll das denn schmecken?“

27 unterschiedliche Freizeitaktivitäten üben die Deutschen durchschnittlich pro Woche aus. Bei dieser Anzahl an Aktionen kann man leicht unter Zeitdruck geraten. Und um alles unter einen Hut zu bringen und auf die Zahl 27 zu kommen, telefonieren wir zeitgleich mit unserer besten Freundin, während der Fernseher läuft und wir uns gerade an einem neuen Rezept versuchen. Sind das drei sogenannte Hobbys zur selben Zeit? Oder könnte man es auch als Kommunikation, Unterhaltung und Nahrungsaufnahme verbuchen?

Auf einer anderen Hitliste der Freizeitaktivitäten der Deutschen steht Fußball auf dem ersten Platz. Fünf Millionen Mitglieder zählen deutsche Fußballvereine, und bei dieser immensen Zahl sind noch nicht einmal diejenigen mitgerechnet, die sich unorganisiert, einfach mal so, an Abenden oder am Wochenende zum Bolzen auf den Wiesen treffen.

Früher traf man sich auch im Keller, dem sogenannten Hobbykeller, und da stand sie, die in vielen Stunden liebevoll aufgebaute Modelleisenbahn. Man ging nur mal eine halbe Stunde hinunter, in die Katakomben und schon war der Abend rum. Rufe wie „Zeit zum Abendbrot“ wurden nicht gehört oder überhört, war man doch zu sehr mit Weichenstellung, Zugentgleisungen und umstürzenden Bäumen (die Dinger klebten aber auch nie!) beschäftigt. Und merkwürdigerweise gab es keine Schelte für das Nichterscheinen zum Abendbrot. Jeder hatte Verständnis, ging man doch einem Hobby nach. Und ein Hobby, das war etwas Gutes, das brauchte man zur Entspannung, das war akzeptiert. Und das Hobby, damals, war immer im Singular, man hatte ein Hobby, und nicht 27 Freizeitbeschäftigungen.

Früher waren die Keller vollgestellt mit Märklin-Modelleisenbahnen, heute muss man solche liebevoll gestalteten Anlagen suchen. Möglicherweise liegt das auch daran, dass es jetzt in Hamburg ein „Miniatur Wunderland“ gibt, das größer als jeder Keller ist, und in dem man nicht den Wackelkontakt des Dynamos festhalten muss, in dem der Zug nicht entgleist und wo die Bäume kleben bleiben? Ist also der Besuch einer Modelleisenbahn-Ausstellung zum Hobby mutiert und hat das Hobby, das Aufbauen, Reparieren und Spielen mit einer Eisenbahn im Keller abgelöst? Dabei war doch ein Merkmal des Hobbys, dass man nur Perfektion anstrebt, sie aber nie erreicht.

Spielten früher die Kinder mit Puppen, Bällen oder einfach mit dem klassischen Holzbauernhof, so gibt es heute für alles ein App. Das App „Hayday“ steht weit oben auf der App-Liste. Hier kann man einen eigenen Bauernhof kreieren: Heu ernten, Kühe melken, Marmelade pressen, die Produkte können in einem virtuellen Straßen-Shop verkauft werden, man kann sich über Facebook oder über das Game-Center vernetzen und Geld verdienen, um sich beispielsweise eine Marmeladenpresse anzuschaffen. Schon fühlt man sich als Bauer, der mit seinen Hühnern, Kühen, Schafen und Schweinen spricht. Fast ist es wie im richtigen Leben. Aber ist man deswegen ein Hobby-Bauer, so wie ein Hobby-Koch? Und vor allem: Ist die Eingabe von Befehlen an einen Rechner, der dann die Arbeiten ausführt ein Hobby?

Wo sind sie, die Briefmarkensammler, die Sammler, die sich an ihrer Sammlung von Zahnstochern, Streichholzheftchen oder Oblaten-Glanzbildern stundenlang erfreuen und austauschen konnten? Sind die alle beim Sumpfschnorcheln, manche nennen es auch Sumpftauchen. Oder gar schon bei der Weltmeisterschaft, die einmal im Jahr in Englands kleinster Stadt Llanwrtyd in Wales ausgetragen wird.

Vielleicht sind sie aber auch beim Drachenfest in Diemelstadt, beim „Live Action Role Playing“. Hier schlüpfen über 4000 Darsteller in selbstgewählte Rollen, die einen Fantasy- oder Mittelalterbezug haben und gehen so ihrem Hobby nach, erschaffen sich eine fremde, eigene Welt, um ihrer wirklichen zu entfliehen? Warum tun sie das? Vielleicht sehnen sie sich nach der alten Welt, in der es noch Hobbys gab.

Es könnte natürlich auch sein, dass diese ehemaligen Sammler und Bastler beim „Tough Guy Race“ anzutreffen sind; ein Hindernisrennen über 12 Kilometer, entwickelt von einem gewissen Billy Wilson, der früher für die britische Armee Trainingscamps für Elitetruppen konzipierte. In den sogenannten „Killing Fields“ müssen 21 schwierige Hindernisse überwunden werden, vom Matsch- robben bis in 10 Meter Höhe klettern, unter Elektrozäunen hindurchkriechen und durch brennende Heuballen rennen. 2004 kamen von 6000 Teilnehmern gerade mal 2.895 ins Ziel. Ist das ein Hobby?

Diente früher das Hobby zur Entspannung, so wie bei Herrn A. beispielsweise, der stundenlang allein im Keller saß, sich seinen Schmetterlingen widmete und sich von seiner anstrengenden Arbeit erholte, ist heute der Sinn des Hobbys ein anderer geworden. Ein Hobby dient nicht mehr zur Entspannung. Denn es gilt Neues zu erfahren, Grenzen auszuloten: Man will sich messen. Immer höher, immer weiter, immer verrückter.

Selbst als Hirschrufer stellt man sich dem Wettkampf. Da reicht es nicht, an den Deutschen Meisterschaften teilzunehmen; die Teilnahme an den Europäischen Meisterschaften ist erstrebenswert. Daran teilgenommen hat Herr S. aus St. Andreasberg, der seit seiner Kindheit auf einer Gießkanne die Hirschrufe übte und den dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften belegte. Drei Disziplinen werden bei diesem Hobby von einer Jury bewertet: Der Ruf des uralten Hirsches abseits des Brunftplatzes, des jungen suchenden Hirsches und zweier gleichstarker Hirsche, die sich im Wechsel anschreien. Und so tritt auch der Hirschrufer, ganz entspannt, zum spannungsgeladenen Wettkampf an. Gewiss, auch der Briefmarkensammler neidete dem anderen irgendeine seltene Mauritius.

Aber es gab nicht diesen Leistungsdruck, unter dem heute ein Hobby anscheinend stattfinden muss. Man kann nicht mehr einfach Basteln, Bauen, Sammeln, da muss schon ein Event her. Am besten mit Medaille.

Heute ist alles erlaubt. Hobby ohne Grenzen. Doch wo bleibt die Entspannung? Dient ein Hobby nicht dazu, sich auf sich selbst zu besinnen? Zur Ruhe zu kommen? Sind Hobbys nicht viel mehr als nur eine reine Freizeitbeschäftigung? Kann stundenlanges Einhacken auf die Tastatur bei igrendwelchen Ego-Shootern Entspannung bringen? Ist unser Beruf so anstrengend geworden, dass wir immer das Gefühl haben, in der wenigen Zeit, die uns bleibt, ein Gegenpendant zu haben, das uns die optimale Entspannung gibt?

Aber wie kann man die finden? Angeln? Knöpfe sammeln? Hausmusik? Power-Shoppen? Extremsport? Internet? Oder doch lieber der Trachtengruppe beitreten? Die Entscheidung fällt schwer.

Auch ich gehöre zu den 97 Prozent der Deutschen, die wenigstens einmal in der Woche fernsehen. Doch war Fernsehen nie ein Hobby für mich. Und heute bleibt der Fernseher aus. Ich lasse die alten Filme Revue passieren. Wie war das noch bei den „Waltons“, dieser sympathischen amerikanischen Großfamilie aus den 20er Jahren, die keinen Fernsehapparat hatten? Haben die sich gelangweilt? Nein, die hörten abends Radio. Ich setze mich also heute in einen Sessel, schalte das Radio an und hole die Stricknadeln meiner Großmutter hervor. Zwei rechts, zwei links, oder wie ging das noch? Strickanleitung kann ich mir ja runterladen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben