Politik : Höchste Alarmstufe

Der Bürgermeister demonstriert Gelassenheit, aber immer wieder muss die Polizei Straßen evakuieren

Barbara Junge,Matthias Thibaut

London/Berlin - London demonstrierte am Montag „business as usual“, Bürgermeister Ken Livingstone fuhr am Morgen demonstrativ mit der U-Bahn – doch am frühen Nachmittag wurden Parliament Square und Whitehall mitten im Regierungsviertel wegen eines Bombenalarms vorübergehend abgesperrt, später auch die Gegend um King’s Cross. In ganz Großbritannien gilt seit Sonntagabend die bisher höchste Alarmstufe, die normalerweise bei „spezifischen Hinweisen“ auf mutmaßliche Terroraktivitäten ausgerufen ist.

Als erstes Opfer des Terroranschlags wurde jetzt die 53-jährige Susan Levy aus Hertfordshire offiziell genannt. Am Nachmittag begann in London das erste offizielle Verfahren vor dem „Coroner“, der bei allen gewaltsamen oder unnatürlichen Todesfällen die Todesursache gerichtlich untersuchen muss. Mindestens 52 solcher Verfahren stehen nach den letzten Zahlen an, 31 Personen werden weiter vermisst. Unter den Vermissten sind offenbar auch zehn Franzosen.

Im Unterhaus nahm Premier Blair Stellung zu den Terroranschlägen. Dabei wies er die Forderung der Opposition nach einer offiziellen Untersuchung der Anschläge zurück. Die Priorität sei nun, die Täter festzunehmen. Die britische Regierung sieht sich wegen der Anschläge auch nicht zu einer Verschärfung oder Beschleunigung der Sicherheitsgesetzgebung veranlasst. Innenminister Charles Clarke spielte die Bedeutung der geplanten Personalausweispflicht für die Terrorbekämpfung herunter. Er habe nie behauptet, dass Ausweise solche Anschläge verhindern könnten. Eine Novellierung der Gesetzgebung ist, nach harten Auseinandersetzungen im Parlament im Frühjahr, für den kommenden Herbst geplant.

Die spanische Zeitung „El Mundo“ berichtete am Montag, spanische Geheimdienste hätten ihre britischen Kollegen am Samstag auf eine Internetbotschaft vom 29. Mai hingewiesen, auf der sich ein Aufruf zu Attentaten fände. Darin heißt es nach dem Bericht: „Das wahre Gesicht des ungläubigen Kreuzfahrers ist in Erscheinung getreten. Wir laden die Mudschahedin der Welt inständig ein, nach dem Krieg der Ungläubigen und den Schändungen des Korans mit dem erwarteten Angriff zu beginnen.“ Gezeichnet war dieser Text im Netz mit „Brigaden Abu Hafs al Masri“. Der Terroranschlag in London könnte nach Einschätzung der spanischen Dienste in Verbindung zu dem „erwarteten Angriff“ stehen, berichtet „El Mundo“. Die Masri-Brigaden hatten sich schon zu den Attentaten in Madrid im März 2004 und anderen Anschlägen bekannt. In deutschen Sicherheitskreisen wird die Bedeutung dieser Internetbotschaft jedoch relativiert. „Die Masri-Brigaden bekennen sich sogar zu Stromausfällen“, heißt es. Man zweifle sehr an den Erklärungen der Gruppe.

Unterdessen haben weitere Muslime in Großbritannien und anderen Ländern den Londoner Anschlag verurteilt. Berichten zufolge bereiten führende muslimische Kleriker eine „Fatwa“ gegen die Bomber vor. Falls es sich um Muslime handelt, soll ihnen das Recht abgesprochen werden, sich weiter als Anhänger des Glaubens zu bezeichnen. „Die Botschaft des Islam ist Friede und Verständigung zwischen den Gemeinschaften“, betonte der Generalsekretär des „Britischen Rats der Muslime“, Iqbal Sacranie in der BBC.

Die Anschläge in London sind für das Internationale Olympische Komitee (IOC) kein Anlass, die Olympischen Spiele 2012 zu verlegen. „Wir werden die Spiele in London behalten“, sagte IOC-Chef Jacques Rogge am Montag. „Es gibt keinen Grund, das zu überdenken.“

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