Politik : Höflichkeit für Helmut Kohl (Leitartikel)

Giovanni di Lorenzo

Als der große, alte Patriarch vor einer Woche an die Öffentlichkeit trat und eine eindrucksvolle Liste von Spendern vorführte, die helfen wollten, den von ihm angerichteten Schaden wettzumachen, kam es beim Fernsehen zu einem kleinen Aufstand. Beim ZDF blockierten Hunderte Zuschauer die Telefone. Sie waren empört. Aber nicht über Helmut Kohl, der da gerade sprach. Sie wollten wissen, warum keine Kontonummer eingeblendet werde, unter der sie selbst für die CDU spenden könnten.

Der Vorfall ist nicht weiter bekannt geworden, doch passt er zu den Eindrücken jener, die bis heute das unglaubliche Finanzgebaren der Union aufklären wollen. Bei einigen reformfreudigen Politikern in der CDU sind sogar Ängste vor einer Rückkehr des Patriarchen zu spüren. Denn im Unglück ihrer Partei witterten gerade die Jüngeren von Anfang an auch ihre Chance: zur vollständigen Emanzipation von Kohl und zur Eroberung der Macht in der CDU. Nun müssen sie feststellen, dass der Altkanzler sehr weit über seine Partei hinaus Mitleid, ja trotzige Zustimmung erfährt; dass das Interesse der Bürger an der Spendenaffäre erlahmt; dass der am heutigen Donnerstag tagende Untersuchungsausschuss zum Unterlassungsausschuss zu werden droht, weil die wichtigsten Zeugen nicht aussagen wollen. Wie also soll die Politik künftig mit Helmut Kohl umgehen?

Die Antwort lautet: anständig. Jedenfalls anständiger, als manche mit ihm in letzter Zeit verfahren sind. Und das ist keineswegs nur ein Gebot der Höflichkeit, es ist ein Gebot der politischen Klugheit. Weiterhin steht außer Frage: Kohl hat schwere Schuld auf sich geladen. Beinahe schon vergessen scheint, dass es nicht allein um die rund zwei Millionen Mark Schwarzgeld geht, die er bei anonymen Spendern sammelte. Er hat die Verfassung gebrochen. Mit Wissen und Billigung des Altkanzlers etablierte sich ein perfides System von Auslands- und Anderkonten. Unter der Verantwortung des Altkanzlers verschwanden kompromittierende Akten aus Ministerien. Vertraute und Günstlinge des Altkanzlers stehen im Verdacht, sich bereichert zu haben. Diese Teile des Spendenplots sind nicht aufgedeckt, und man kann nur hoffen, dass Ermittler und Journalisten daran bleiben, sie bis ins letzte Detail aufzuklären, auch wenn es kaum noch einer hören mag.

Aber wahr ist auch, dass dieser Altkanzler noch bis in den November des vergangenen Jahres als Lichtgestalt der Geschichte gefeiert worden ist. Seine vielbesungenen Verdienste um die deutsche Einheit und um Europa sind durch seine Verfehlungen nicht vergessen. Das wissen die Leute, sie haben ein feines Gefühl dafür, wenn etwa Parteifreunde, die lange vom System Kohl profitierten, plötzlich durch besonders radikale Verurteilungen die eigene Profilierung im Sinn haben. Dann stellen sich statt Kritik und Ablehnung Trotz und Mitgefühl ein.

Der Skandal hat schließlich auch einiges verändert: In allen Parteien ist man sich einig, dass nie mehr so viel Macht so lange in den Händen eines einzigen Politikers liegen darf. In der CDU kommt es wahrscheinlich zu einem kaum für möglich gehaltenen Führungswechsel - mit einem unbelasteten Fraktionschef, einer Frau als Parteivorsitzender und womöglich auch noch einem jungen Generalsekretär. Helmut Kohl hat den Ehrenvorsitz der Partei abgeben müssen, er will den Bundestag in zwei Jahren verlassen. Es geht also nur noch darum, ob und wie man ihm den 70. Geburtstag ausrichten soll, oder ob er auch noch sein Abgeordnetenmandat abgeben sollte. Das aber wirkt unwürdig, und die Verbannung wäre nicht einmal pädagogisch wertvoll: Kohl und die Union sollen ruhig noch eine Weile dieselben Bänke drücken. Aus nächster Nähe wirft man keine Steine.

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