Politik : Hoffen auf ein Wunder

Afghanistans Wiederaufbau gestaltet sich schwierig

Frank Jansen

Berlin - Wenn Sicherheitsexperten über Afghanistan sprechen, sind sarkastische Bemerkungen unvermeidlich. „Das Land lebt nicht im Mittelalter“, sagt ein Fachmann, der kürzlich zum Hindukusch gereist ist, „es lebt in der Steinzeit“. Man könne schon glücklich sein, eine Schotterpiste zu finden. Doch der Mangel an befahrbaren Verkehrswegen ist nur ein Stein im Mosaik der gewaltigen Probleme Afghanistans. Drei Monate vor der für den 18. September geplanten Parlamentswahl ziehen Sicherheitsexperten eine zwiespältige Bilanz. Obwohl es, so wird betont, nach der Invasion der US-Armee Ende 2001 deutliche Fortschritte gebe.

Da wäre zunächst die Abgabe der schweren Waffen durch Warlords wie den Usbekenführer Raschid Dostum. Die einstigen Kriegsfürsten spielten „die politische Karte“, sagt ein Experte. Und die militante Opposition sei keine ernsthafte Bedrohung für den neuen Staat. Dennoch bleiben Taliban sowie die Kämpfer um Gulbuddin Hekmatjar und Dschalaluddin Haqqani, insgesamt etwa 1500 Mann, ein permanenter Störfaktor – mit großem Sympathisantenpotenzial. Vor allem in den Provinzen, die an Pakistan grenzen. In dem umwegsamen Gelände und angesichts unzureichender US-Militärpräsenz ist der Widerstand nicht zu schlagen.

Al Qaida hingegen spiele nur noch eine untergeordnete Rolle. Die mit ihrem Anführer Osama bin Laden an die pakistanische Grenze abgedrängte Organisation unterstütze die afghanischen Glaubenskrieger und stelle, da ist wieder Sarkasmus zu hören, „ab und zu einen Selbstmordattentäter“. Denn es entspreche nicht der Mentalität der den Süden Afghanistans dominierenden Paschtunen, sich selbst in die Luft zu sprengen.

Weit gefährlicher als die islamistische Guerilla sei die rapide zunehmende „normale“ Kriminalität. Da erpressten junge Arbeitslose Wegezoll. Oder stiegen in das lukrative Geschäft der Geiselnahmen ein. In die Gewalt solcher unpolitischen Kidnapper war offenbar auch die kürzlich wieder freigelassene Italienerin Clementina Cantoni geraten. Die Kriminellen profitierten davon, dass die Entwaffnungsprogramme der Regierung Karsai wenig gebracht haben, sagt ein Fachmann – „Afghanistan starrt immer noch vor Waffen“.

Das zweite große Problem heißt Rohopium. Afghanistan ist der weltweit größte Produzent von Rohopium, dem Grundstoff für Heroin. Mehr als die Hälfte des afghanischen Bruttosozialprodukts wird mit Drogen erwirtschaftet. Die Experten verweisen auf das zentrale Dilemma: Die schwache Wirtschaft bietet kaum Alternativen zu Drogenproduktion und sonstiger Kriminalität. Und es mangele, kritisiert ein Fachmann auch die internationale Staatengemeinschaft, an einem Konzept für den Aufbau legaler Wirtschaftszweige.

So halten die Experten Anti-Drogen- Feldzüge für prekär – und fürchten um die Sicherheit der Bundeswehrsoldaten. Das Wiederaufbauteam in Faisabad sei in einer Opiumregion aktiv und bekäme bei harten Aktionen der amerikanisch-britisch-afghanischen Drogenbekämpfer die Wut der Bauern zu spüren.

Und die Wahl? Bisher hat die Staatengemeinschaft erst ein Drittel der auf 148 Millionen Dollar veranschlagten Kosten zugesagt. Außerdem sei unklar, wo 180000 Helfer herkommen sollen, die für den Wahltag nötig sind, so ein Experte. Dennoch hofft er auf ein zweites Wunder im Steinzeitland. Das erste war die ruhige Präsidentenwahl im Oktober 2004.

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