Politik : Hoffen auf Indien

Helfer in Sri Lanka setzen auf den Nachbarn als Vermittler / Regierungstruppen rücken vor

Ingrid Müller
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Berlin - Die Lage ist dramatisch: 350 000 Menschen sind im Nordosten Sri Lankas von Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und den sogenannten Tamilentigern (LTTE) eingekesselt. 350 000 von 450 000 Einwohnern. Seit Wochen gibt es fast täglich Erfolgsmeldungen der Armee, und offensichtlich hat die mit schweren Waffen aufgerüstete Streitmacht Geländegewinne erzielt. Dass der Kampf nach so vielen Bürgerkriegsjahren allerdings in nächster Zeit militärisch beendet werden könnte, glaubt kaum ein Beobachter. Gerade erst hat sich die Lage für die Menschen noch einmal verschlechtert: Der Monsunregen ist in diesem Jahr besonders heftig und hat tiefer gelegene Gebiete überschwemmt. Wie die Situation im Sperrgebiet, dem sogenannten Wanni, genau ist, kann niemand sagen, denn unabhängige Beobachter sind nicht mehr zugelassen, sagt Dirk Altweck, Landeschef der Deutschen Welthungerhilfe in Colombo.

Doch in all dem Leid sieht einer, der sich seit Jahrzehnten für seine Landsleute einsetzt, auch einen Hoffnungsschimmer – die Hoffnung auf einen Waffenstillstand, der Raum für Verhandlungen schaffen könnte: Harsha Navaratne. Der stämmige Singhalese ist Chef der Hilfsorganisation Sewalanka, der Partnerorganisation der Welthungerhilfe.

Navaratne erinnert sich noch gut, wie er zum ersten Mal vor etlichen Jahren in die heutige Hauptstadt der Tamilentiger, Kilinochchi, gefahren ist, heute symbolträchtiges Ziel der Armee mitten in der Sperrzone. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel macht er einerseits eine bedrückende Bilanz auf. „Damals nach dem Waffenstillstand fuhren wir mit dem ersten Wagen ins Wanni. Es gab dort praktisch nichts, nur ein paar Hütten. Ich habe diese Stadt wachsen sehen. Sie wurde ein wunderbar lebendiger Ort, mit Schulen, mit Elektrizität. Vor fünf Wochen war ich zum letzten Mal dort. Ich bin hingefahren, um unser Büro zu schließen. Kilinochchi ist eine Geisterstadt. Ich habe Zehntausende auf der Flucht gesehen.“

Zahlreiche einheimische Mitarbeiter seiner Hilfsorganisation ziehen mit den Flüchtlingen mit. Zu ihnen hat er täglich über ein Satellitentelefon Kontakt. „Ich habe gesehen, wie Leute das Dach ihres Hauses abmontiert haben, um es mitzunehmen. Sie sind mit allem, was sie tragen konnten, in den Dschungel gegangen. Es ist traurig, sehr traurig.“ Inzwischen versucht Navaratne, von Washington bis Tokio Unterstützung zu bekommen. Die Bundesregierung hat wegen der Kämpfe längst weitere Zusagen gestoppt. Navaratne möge sich bitte an die Nichtregierungsorganisationen wenden. Er kann die Haltung irgendwie verstehen. Aber er sagt auch: „Das hat auch uns getroffen. Es kommen keine Mittel mehr.“

Doch er ist Optimist. Navaratne kennt den srilankischen Staatspräsidenten Mahinda Rajapaksa, beide kommen aus derselben Region. Als der Chef von Sewalanka jetzt aus dem Sperrgebiet wiederkam, haben sie zusammen gefrühstückt. Navaratne beschreibt Rajapaksa als zugänglichen, netten, verantwortungsbewussten Menschen. Er habe ihm erklärt, die Tamilentiger hätten ihn mit Anschlägen herausgefordert, also habe er mit Gewalt antworten müssen. Meist sparen sie bei ihren Gesprächen das Thema allerdings aus. Vor ein paar Tagen hat Papst Benedikt XVI. Rajapaksa ins Gewissen geredet. Bei einer viertelstündigen Audienz forderte er Verhandlungen mit den Befreiungstigern, wie die katholische Agentur KNA berichtete. Das sei der einzige Weg.

Navaratne glaubt, dass sich die Lage ändert. „Indien gewinnt an Stärke“, sagt er. Als Nachbar, der gerade nach der Anschlagsserie im eigenen Land ein Interesse an befriedeten Verhältnissen in der Region hat, könne Indien im Verhandlungsprozess Einfluss gewinnen – anders als der Westen, den die Regierung in Colombo nicht als Verhandler haben wolle.

Navaratne ist überzeugt, dass der Konflikt letztlich nicht mit Bomben zu lösen ist. Sri Lankas Präsident Rajapaksa habe viel Rückhalt im Süden, analysiert er. „Er ist der erste in der Geschichte, der der singhalesischen Mehrheit ein Autonomieangebot an die Tamilen im Norden verkaufen könnte. Eine völlig neue Situation.“

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