Politik : Hoffen, beten – und vertrauen

DIE SAHARA-GEISELN

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Von Christoph von Marschall

Alles Wünschen hat nichts genützt. Eine deutsche SaharaGeisel ist tot. Wochenlang hatte das Land gehofft, das Martyrium der noch 15 Vermissten werde ebenso gnädig enden wie das der 17 Mitte Mai; sie kamen unverletzt frei. Nun ist die Mutter von zwei Kindern nicht mehr am Leben. Sie wollte doch nur die Sehenswürdigkeiten an der berühmten Gräberpiste bestaunen.

Schon einmal hat Deutschland einen Sommer lang um das Leben entführter Landsleute gezittert – im Jahr 2000, um das Schicksal der Familie Wallert. Doch fast alles war anders. Das Drama auf der Philippinen-Insel Jolo spielte sich quasi vor laufenden Fernsehkameras ab. Journalisten besuchten die Lager der Geiseln, die Schule des Lehrerpaars in Göttingen, zeigten Leid und Mitleid. Bis zum Happyend: für die Mutter nach 81, den Vater nach 126, den Sohn nach 140 Tagen.

Diesmal hat die Bundesregierung eine Nachrichtensperre verhängt und bittet die Medien um Diskretion. Sie übt Geduld, setzt auf Verhandlungen, mehr als 150 Tage schon. War das etwa falsch, wenn nun eine Geisel tot ist – gestorben an Erschöpfung und Hitzschlag, wie es heißt? Muss man bald weitere Opfer befürchten angesichts von Hitze und Unterversorgung? Solche Zweifel mögen sich aufdrängen, womöglich fragt der Boulevard noch, warum nicht längst die GSG 9 zur Befreiung eingesetzt wurde – wie damals bei der Flugzeugentführung in Mogadischu. Aber das Nachdenken darüber offenbart nur, wie wenig wir wissen. Viel zu wenig, um zu urteilen, zu verurteilen.

Das Wenige ist oft zweideutig. Wie bedrohlich sind Strapazen, wie sie die Geiseln seit fast einem halben Jahr durchmachen? Das kann man sich kaum ausmalen – und noch weniger, wie der eigene Körper solche Belastungen ertrüge. Andererseits sagen Kenner der Region, die Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sei nicht das Problem. Auch die verstreichende Zeit muss das Risiko nicht unbedingt erhöhen. Die Nachricht, dass die Entführer mit ihren Geiseln von Algerien über die Grenze nach Mali gegangen seien, hatte neue Hoffnung geweckt. Vielleicht kommt man dort besser in Kontakt, kann eine Verhandlungslösung erreichen, nachdem die gewaltsame Befreiung der ersten Gruppe durch algerische Kräfte Wachsamkeit und Misstrauen der Entführer hatten wachsen lassen. Algeriens Regierung war sehr auf ihre Souveränität bedacht. Mali könnte offener sein für die Kooperation mit deutschen Experten, auch aus Dankbarkeit für lange Entwicklungshilfe.

All diese hochkomplizierten Fragen, dieses Vertrauen sollte man schon haben, kann die Bundesregierung mit ihrem gebündelten Fachwissen besser entscheiden als die Öffentlichkeit. Nur sie weiß, welchen Handlungsspielraum sie überhaupt hat; und wo sie die Grenzen ihres Einflusses akzeptieren muss. Das gilt auch für die Nachrichtensperre. Informationen können das Leben der Gefangenen gefährden. Bei allen kulturellen Unterschieden: Die Globalisierung der Nachrichtenwege funktioniert bei so brisanten Themen ziemlich verlässlich. Was heute europäische Medien an Hinweisen auf das beabsichtigte Vorgehen ihrer Regierungen veröffentlichen, können die Entführer morgen aus arabischen Medien erfahren – und Vorkehrungen treffen. Wie umgekehrt hiesige Zeitungen und Rundfunkstationen die wenigen konkret wirkenden Informationen aus der Sahara oft aus dortigen Publikationen übernommen haben.

Wir können nur darauf vertrauen, dass die Regierung das Richtige tut. Weil das aber noch keine Garantie für ein gutes Ende ist, sollte auch beten, wer kann, oder hoffen. Selbst wenn alles Vertrauen, Hoffen und Beten die Augsburger Mutter nicht retten konnte.

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