Politik : Hoffnungen eines Ampelmanns

Barbara Junge

Auf der geschwungenen Freitreppe im Abgeordnetenhaus löst sich für einen kurzen Moment die Anspannug des Tages. Die erste Stufe auf dem roten Läufer ist schon genommen, da atmet Ingrid Rexrodt laut aus. "Ja", bricht es aus ihr heraus, "wir sind so erleichtert." Günter Rexrodt, der Spitzenkandidat der Berliner FDP, hatte gebangt und mit ihm seine Frau. Würden seine Person und die Enttäuschung der Wähler über die CDU reichen, um die FDP wieder ins Abgeordnetenhaus und in den Senat zu führen? Günter Rexrodt lächelt seiner Frau sanft zu, nickt nur leicht und strebt gemeinsam mit ihr seiner politischen Zukunft entgegen.

Zum Thema Ergebnisse I: Stimmenanteile und Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse II: Direktmandate im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse III: Ergebnisse nach Regionen (Abgeordnetenhaus und BVV)
WahlStreet.de: Die Bilanz Günter Rexrodt ist der Ampelmann. Er könnte die SPD in eine Koalition mit der FDP und den Grünen locken und damit eine PDS-SPD-Koalition verhindern. Auf ihm ruhten in diesem Wahlkampf nicht nur die Hoffnungen der enttäuschten CDU-Wähler. Auch die Konservativen in der SPD setzen auf Günter Rexrodt. Sie sind skeptisch gegenüber den Postkommunisten. Rexrodt weiß das, und er genießt seine unverhoffte Rolle, die noch vor wenigen Monaten so weit entfernt schien wie für Guido Westerwelle die 18 Prozent bei der nächsten Bundestagswahl.

"Rexrodt statt Rot-Rot", hatten die Liberalen auf die Wahlflyer drucken lassen. Einer davon hing am Morgen, als der Kandidat vom Wahlgang nach Hause kam, an der Türklinke zu seiner Wohnung. Unsicher hatte der FDP-Spitzenkandidat geschwenkt - "von einem meiner vielen Wähler" hatte er sich selbst Mut gemacht. Oben in seinem geräumigen Penthouse über den Dächern von Wilmersdorf lehnte sich der Kandidat in die moosgrüne Couch zurück. Ein entspannter Nachmittag hatte es werden sollen. Aber diese Fragen wollten ihm doch nicht aus dem Kopf gehen: "Wenn es für SPD und Grüne doch noch reicht?" "Werden CDU-Stammwähler im letzten Moment doch noch ihrer Partei die Treue halten?" und nicht FDP wählen? Von Siegesgewissheit war an diesem Nachmittag noch keine Spur.

Flapsige Sprüche wie der Slogan auf dem Wahlflyer passen nicht so recht zu dem Ex-Minister. Rexrodt ist eher Papa denn Populist, ein "elder statesman" in der dramatisch verjüngten Berliner Landespolitik. Auch auf den FDP-Wahlplakaten, inmitten einer Ansammlung von Jungspunden, wirkte Rexrodt wie ein stolzer Vater, der seinen Jungs zur bestandenen Abiturprüfung gratuliert. Jungs, die keiner kennt. Die jetzt mit knapp zehn Prozent ins Abgeordnetenhaus einziehen werden. Die Berliner FDP - das ist bislang Günter Rexrodt.

Der Mann, der jetzt in der Öffentlichkeit so souverän, so gelassen erscheint, wirkte in Bonn eher blass. Rexrodt war bis zuletzt Wirtschaftsminister in der schwarz-gelben Bundesregierung, auch wenn man sich heute kaum mehr daran erinnern kann. Und daheim, im Berliner Landesverband, ging es zuweilen turbulent zu. Die Nationalkonservativen probten den Putsch, fochten Wahlen an, stürzten die Linksliberalen. Mal war Rexrodt Landesvorsitzender, dann wieder nicht. Damals war er eher ein Hampelmann, lange hat es so ausgesehen, als sei seine politische Karriere beendet.

Jetzt ist Günter Rexrodt wieder da. Und der Sonntag war, wenn es nach ihm geht, nur die Ouvertüre. Richtig spannend wird es dann ab Montag. Werden die Liberalen gebraucht?

Aus wirtschaftlichen Gründen immerhin braucht Rexrodt keinen Platz im Senat. Abgesichert ist der Politiker - durch mehr als ein halbes Dutzend Aufsichtsratsmandate. Rexrodt kann es sich aussuchen, ob er hauptamtlich in die Politik zurückkehren will oder nicht. Und er wartet ab. Jetzt ist Klaus Wowereit am Zug. "Wir werden uns sicher nicht verweigern, in eine Regierung einzutreten", sagt Rexrodt nach den ersten Hochrechnungen an die SPD gerichtet. Auch er persönlich werde, wenn er die Chance bekomme, "verantwortlich Politik zu gestalten", sicher nicht Nein sagen. Aber bislang habe er keinen solchen Ruf gehört. "Und Klaus Wowereit muss mich schon anrufen", sagte Rexrodt, sein Fenster werde er in kalten Nächten wie diesen sicher nicht offen lassen.

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