Hoffnungen : Südamerika setzt auf Obama

Für seinen Vorgänger Bush hatte Lateinamerika Priorität – bis zum 11. September 2001. Jetzt setzt der Südkontinent auf Obama.

Michael Schmidt

Berlin - Der neue US-Präsident beschwört eine „großartige Vision: Eine vollständig demokratische Hemisphäre, durch Engagement und Freihandel verbunden.“ Was für ein verheißungsvoller Start in eine neue Zeit. Kein Zweifel: Dieser Präsident will etwas bewegen. Er ruft dazu auf, ein „Jahrhundert der Amerikas einzuläuten“. Nur ein Amerika soll es noch geben. Ein in Wohlstand und Freiheit geeintes, von Alaska bis Feuerland, von der Arktis bis Kap Hoorn. Gemeinsam will er die Armut bekämpfen, gemeinsam gegen den Drogenhandel vorgehen, gemeinsam Menschenrechte fördern und den Umweltschutz vorantreiben. „Juntos podemos. Juntos lo haremos“ – „Gemeinsam können wir. Gemeinsam werden wir es tun“, verspricht George W. Bush kurz nach seinem Amtsantritt im April 2001 beim Treffen der Staats- und Regierungschefs auf dem 3. Gipfel der Amerikas in Quebec.

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Das war vor den Terroranschlägen des 11. September. Danach sind solche Pläne Makulatur. Bush richtet seine gesamte Politik auf den „Krieg gegen den Terror“ aus. Lateinamerika gerät dem großen Bruder im Norden aus dem Blick. Mit gravierenden Folgen. Während die US-Regierung sich auf Afghanistan und den Irak konzentriert, wandelt sich in Lateinamerika die politische Landkarte. Der Kontinent erlebt einen Linksruck. Antiamerikanismus grassiert. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Das lässt die Vernachlässigung durch die USA noch empörender wirken. Und es stärkt Figuren wie Venezuelas Präsidenten Hugo Chavez, der sich zum Lautsprecher des Südkontinents aufschwingt und Bush als Teufel beschimpft. Dabei ist ihm Zustimmung gewiss. Am Ende seiner Amtszeit ist Bushs Popularität auf ein Rekordtief gesunken. Das „Time“-Magazin bescheinigt ihm: Kein Staatsmann der Welt ist in Lateinamerika so unbeliebt wie er.

Nun also Barack Obama.

Der 44. US-Präsident will nicht alles anders, aber manches besser machen. Wie 2001 möchte man in den Ländern südlich des Rio Grande nur zu gern an eine bessere Zukunft glauben dürfen. Wie 2001 setzt man nicht wenige Hoffnungen auf den Neuen. Als Gouverneur des Bundesstaates Texas hatte Bush Erfahrungen im Umgang mit dem Nachbarn Mexiko gesammelt und sich dabei durchaus als Pragmatiker gezeigt. Schon dass der Mann Spanisch sprach, genug, um sich auch ohne Dolmetscher verständigen zu können, nahm die Lateinamerikaner für ihn ein. Und sein Außenminister Colin Powell nährte die Hoffnungen, aus dem Hinterhofschatten in den Lichtkegel der Weltpolitik treten zu können. „Die Arbeit mit unseren Freunden in Gesamtamerika“, sagte Powell, „ist eine der obersten und wichtigsten Prioritäten der Regierung von Präsident Bush.“

Es kam bekanntlich anders.

Jetzt sind die Erwartungen in den Ländern Mittel- und Südamerikas wieder hoch. Und wieder ist fraglich, ob der US-Präsident angesichts von Finanzkrise, Klimawandel und anderen weltpolitischen Megathemen überhaupt dazu kommt, der Region mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Obamas Reden in Richtung Süden sind eher zurückhaltend. Er wolle die „Spannungen der vergangenen Jahre“ überwinden, sagte er jüngst dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderon. Obama scheut offenbar davor zurück, mehr zu versprechen, als er halten kann. Seine Marschroute sieht eine Politik der kleinen Schritte vor, pragmatisch, von Fall zu Fall entscheidend. Aber mit einer grundsätzlich neuen Blickrichtung: von unten nach oben. „Was gut ist für die Menschen der Amerikas, ist gut für die Vereinigten Staaten“, lautet Obamas Credo. Die Zeit sei reif für „eine neue Allianz der Amerikas“, die die Jahrzehnte „falscher Politiken“ mit „Reformen von Oben“ hinter sich lasse, hieß es in einem Wahlkampfpapier Obamas. Weniger Bevormundung und kluge Ratschläge aus Washington, mehr offene Ohren und Augen für Initiativen in den Ländern des Südkontinents also.

Eine Spitze, mit der er sich auch von Bushs Plan einer einzigen großen Freihandelszone abwendet, der 2005 am Widerstand der Lateinamerikaner scheiterte. Obama wird diese Leiche nicht wieder ausbuddeln wollen. Was er aber angekündigterweise tun wird, ist der Versuch, eine andere Form der Kooperation zu entwickeln. Eine, die sich vor allem für nachhaltige Entwicklung, Gerechtigkeit und Gleichheit auf dem Kontinent stark macht, der sozial gespalten ist wie kein zweiter. Eine erste große Bühne, seine Vorstellungen darzulegen, wird ihm der 5. Gipfel der Amerikas im April in Trinidad und Tobago bieten.

Bis dahin dürfte sich Obamas Politik auf Aktionen mit weithin sichtbarem Symbolcharakter konzentrieren. So hat er mit Blick auf Kuba in Aussicht gestellt, Beschränkungen für Reisen von Familienangehörigen auf die Karibikinsel zu lockern. Und mit Mexiko will er vor allem bei der Bekämpfung des Drogenhandels enger zusammenarbeiten.

Mit Spannung blicken Experten auf die Entwicklung der Beziehungen zu dem politischen und wirtschaftlichen Schwergewicht des Südkontinents: In einem ersten Schritt bot Brasilien in Gesprächen mit Beratern Obamas seine Vermittlerdienste an. Als Regionalmacht könne sein Land möglicherweise einen Gesprächsfaden zwischen den USA und Venezuela, Kuba und Bolivien spinnen, sagte der brasilianische Minister für strategische Angelegenheiten, Mangabeira Unger. Zu jenen drei Ländern also, mit denen die Bush-Regierung besonders über Kreuz lag.

Bei den Gesprächen wurde allerdings zugleich deutlich, wo die Grenzen für eine Zusammenarbeit liegen könnten. Auf die Anregung der Obama-Berater, das brasilianische Militär könnte helfen, den internationalen Drogenhandel zu bekämpfen, antwortete Mangabeira Unger ablehnend: „Die Streitkräfte Brasiliens haben die Aufgabe, Brasilien zu verteidigen und nicht, als Weltpolizisten zu dienen.“

Wie oft und in welchem Umfang Washington auf Brasilias diplomatische Dienste zurückgreifen wird, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie sich das Verhältnis zwischen den USA und Venezuela entwickelt. Mit dem Ausscheiden Bushs hat Chavez seinen Lieblingsfeind verloren. Bislang hat er nicht erkennen lassen, wie er sich gegenüber dessen Nachfolger verhalten wird.

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