Politik : Holbrookes Mission in Belgrad gescheitert / Schröder: Luftangriffe sind unvermeidlich

BELGRAD/WASHINGTON/BONN (AFP/rtr/AP).Die Gespräche des US-Sondergesandten Holbrooke in Belgrad haben keinen Durchbruch in der Kosovo-Frage gebracht.Holbrooke verließ noch am Dienstag Belgrad und reiste nach Brüssel.NATO-Angriffe gegen Serbien schienen nur noch eine Frage von Stunden.Bundeskanzler Schröder (SPD) bezeichnete Luftangriffe der NATO gegen Jugoslawien als unvermeidlich.Unterdessen gingen die Kämpfe in der Krisenregion weiter.Auch am Dienstag versuchten Hunderte von Kosovo-Albanern, nach Mazedonien zu flüchten.Serbiens Präsident Milutinovic forderte das serbische Parlament auf, gegen die Stationierung einer NATO-Friedenstruppe im Kosovo zu entscheiden.

Holbrooke beriet sich nach dem zweiten, dreistündigen Gespräch mit Milosevic am Dienstag von Belgrad aus mit der Regierung in Washington."Mir ist derzeit kein Grund zum Optimismus bekannt", sagte ein Vertreter des Präsidialamtes.Für Luftangriffe, die die NATO seit Wochen androht, stehen auf sieben US-Kriegsschiffen im Mittelmeer und in der Adria Marschflugkörper bereit sowie insgesamt 400 Flugzeuge der NATO, davon etwa die Hälfte aus den USA.

In einem ersten Schritt sollten voraussichtlich Marschflugkörper von den im Mittelmeer kreuzenden NATO-Schiffen und Unterseebooten auf die serbische Flugabwehr abgefeuert werden.Erst in einem zweiten Schritt sollte die Luftwaffe zum Einsatz kommen.Eine Auswahl von Angriffszielen stand nach Angaben des Pentagon fest.

In Washington erklärte US-Präsident Bill Clinton, ein Militärschlag sei die richtige Entscheidung angesichts der Gefahr, daß sich das Blutvergießen vom Balkan aus weiter verbreiten könne.Darin seien die USA und ihre europäischen Verbündeten einer Meinung.Clinton bekam am Dienstag von führenden Kongreßmitgliedern Unterstützung für eine mögliche Militäraktion im Kosovo.Auch der britische Premierminister Blair sprach sich für Luftangriffe aus, sollte Milosevic nicht doch noch einlenken.

Bundeskanzler Gerhard Schröder bekräftigte vor der SPD-Bundestagsfraktion in Bonn, Deutschland werde sich an den Luftangriffen beteiligen.Wenn Holbrooke in Belgrad scheitere, bleibe keine andere Wahl, als die vorbereiteten Mittel einzusetzen, bis Milosevic auf den Boden der Menschlichkeit und des Völkerrechtes zurückgekehrt sei.Ziel bleibe es, eine politische Lösung im Kosovo zu erreichen und eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden.Dies ist angesichts der Flüchtlingsströme, die die jugoslawische Offensive ausgelöst hat, bei den Überlegungen der NATO in den Vordergrund gerückt.

Der französische Außenminister Hubert Vedrine sagte: "Wir sind bald am Ende des diplomatischen Prozesses." Wenn dieser endgültig scheitern sollte, sei bald eine Militäraktion zu erwarten.Im Falle von Luftangriffen würden militärische Ziele in Serbien bombardiert, sagte Vedrine.

Das russische Außenministerium erklärte, Gewalt habe auf dem Balkan noch nie Frieden gestiftet.Darum müßten die Gespräche weitergehen.Der russische Ministerpräsident Primakow flog am Dienstag in die USA.Nach unbestätigten Agenturberichten will er den Besuch abbrechen, sollte die NATO das befreundete Jugoslawien angreifen.

In Belgrad kam das Parlament des jugoslawischen Bundeslandes Serbien zu einer Sondersitzung über die Kernfrage des Streites zusammen - ob zur Überwachung des Autonomie-Abkommens im Kosovo internationale Friedenstruppen stationiert werden dürfen oder ob sich Jugoslawien zur Wehr setzen soll, falls es mit Luftangriffen dazu gezwungen werden soll.Die Belgrader Menschenrechtsspezialistin Natasha Kandic sagte, in Jugoslawien sei die größte Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg angelaufen.

Die jugoslawische Offensive konzentrierte sich auch am Dienstag auf die Region Drenica, wo die Untergrundarmee der Kosovo-Albaner (UCK) nach einem Jahr Bürgerkrieg noch besonders stark ist.Die Kämpfe haben eine Fluchtwelle ausgelöst, von der unter anderem Mazedonien betroffen ist.Nach Angaben der dortigen albanischen Minderheit haben etwa 40 000 Kosovo-Albaner Zuflucht in Mazedonien gesucht, allein 3500 in den vergangenen zehn Tagen.Mazedonien schloß am Dienstag seine Grenzen für alle Inhaber eines jugoslawischen Passes, zu denen auch die Kosovo-Albaner zählen.

Aus diplomatischen Kreisen in Wien verlautete, daß die meisten EU-Botschaften in Belgrad schließen wollten.Unterdessen haben mehrere europäische Fluggesellschaften, darunter die Lufthansa, Air France und die Swissair, ihre Flüge nach Belgrad eingestellt.

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