Politik : Holland bleibt dabei: Wahl am 15. Mai

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Am Vormittag hatte das Kabinett mit Vertretern von Fortuyns Partei LPF über eine Verschiebung der Wahl beraten. Die LPF setzte sich dafür ein, am Wahltermin festhalten. Vertreter der LPF kündigten an, die Partei werde trotz des Verlusts ihres medienerfahrenen Anführers im Rennen bleiben. Am Dienstag suchte die Liste fieberhaft nach einem geeigneten Nachfolger. Fortuyns Stellvertreter Joao Varela, ein 27-jähriger Geschäftsmann und Einwanderer kapverdischer Herkunft, wird von vielen Parteimitgliedern als zu unerfahren erachtet.

LPF-Parteisprecher Mat Herben machte vor Journalisten die regierenden Parteien mitverantwortlich für das „verzerrte Bild“, das von der Liste und ihrem Spitzen-Kandidaten in der Öffentlichkeit gezeichnet worden sei. Herben nannte Vergleiche mit dem französischen Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen und dem österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider skandalös.

Der sich offen als Homosexueller bekennende Fortuyn hatte trotz mehrerer Morddrohungen nicht unter Polizeischutz gestanden. Die Regierung habe ihm zwar Schutz angeboten, sei jedoch abgewiesen worden, teilte der niederländische Innenminister Klaas de Vries mit.

Ein 32 Jahre alter niederländischer Umwelt-Aktivist wird verdächtigt, Fortuyn erschossen zu haben. Der mit einer Pistole bewaffnete Mann sei am Montag nach dem Anschlag überwältigt worden, teilte ein Staatsanwalt am Dienstag mit. Der Mordverdächtige war nach Angaben der Umweltschutzorganisation Milieu Offensief bei ihr als Angestellter tätig. Der mutmaßliche Täter bezeichnete sich im Internet selbst als Tierschutzaktivist.

In Rotterdam, wo die Liste Pim Fortuyn (LPF) bei der Kommunalwahl im März einen überwältigenden Erfolg errungen hatte, war die ganze Nacht über das Rathaus geöffnet, damit sich Trauernde ins Kondolenzbuch eintragen konnten. Bis Dienstagnachmittag hatten mehr als 8000 Anhänger Fortuyns unterzeichnet.

Politiker aller niederländischen Parteien äußerten sich schockiert über den Anschlag auf Fortuyn, der zugleich als Schlag gegen die Werte der Demokratie gewertet wurde. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer verurteilte den Anschlag: „Es ist entsetzlich zu sehen, wie Mord in einen Wahlkampf eingreift. In der politischen Auseinandersetzung darf Gewalt – bei aller Härte – keine Chance haben“, sagte er. Zugleich warnte er vor Koalitionen mit rechtspopulistischen Parteien. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sprach in Brüssel von einem „Anschlag auf den Geist Europas".

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