Holocaust-Archive : USA fordern Öffnung der Suchdienst-Archive

Zwischen den USA und Deutschland ist nach Angaben der "New York Times" ein heftiger Streit um die Öffnung der Holocaust-Archive des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes entbrannt.

Washington - Danach will die Washingtoner Regierung, dass die Unterlagen mit Informationen über 17,5 Millionen Nazi-Opfer nicht mehr nur von den Betroffenen oder deren Angehörigen eingesehen werden könnten, sondern künftig auch von Forschern und Gelehrten. Dagegen wehrten sich aber Deutschland und auch Italien, die auf den rechtlichen Schutz der Privatsphäre der in dem Archiv erfassten Menschen verwiesen, berichtete die Zeitung am Montag. Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) habe Einwände.

Sowohl das IKRK als auch Deutschland argumentierten, dass eine Freigabe gegen die Regeln verstoßen würde, unter denen das Archiv seinerzeit eingerichtet wurde. Danach müsse der Suchdienst sicherstellen, dass keine Informationen preisgegeben würden, die den Interessen der in dem Archiv Erfassten oder denen ihrer Angehörigen zuwider laufen könnten. Dies beschränke den Zugang zu den Archiven praktisch auf die NS-Opfer selbst, auf deren Angehörige oder auch Rechtsvertreter.

Deutschland und der Direktor des Suchdienstes, Charles Biedermann vom Roten Kreuz, argumentierten, dass die Vereinbarungen von damals vor einer Freigabe erst geändert werden müssten. Das aber würde ein einstimmiges Votum in der Elf-Staaten-Kommission erfordern, die die Arbeit des Suchdienstes überwacht, und eine anschließende Ratifizierung durch die jeweiligen Parlamente - ein vermutlich jahrelanger Prozess. Der «New York Times» zufolge hat die Kontroverse inzwischen das Klima in der Kommission vergiftet, der neben den USA, Deutschland und Italien auch Großbritannien, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Griechenland, Polen, Luxemburg und Israel angehören.

Die Weigerung der Deutschen sei ein Skandal und «das Verbergen der Unterlagen eine Art von Leugnung des Holocaust», zitierte die Zeitung weiter führende Vertreter des Holocaust-Museums in Washington. Der deutsche Botschafter in den USA, Wolfgang Ischinger, seinerseits wies Unterstellungen, Deutschland wolle etwas verbergen, entschieden zurück. Es gehe vielmehr darum, zuerst zu klären, «wer was mit den Informationen tun darf und wer rechtlich verantwortlich ist, wenn jemand sie missbraucht».

Die Unterlagen waren zum Teil von den Alliierten im Zuge der Befreiung der Konzentrationslager zusammengetragen worden. Die Archive enthalten etwa 45 Millionen Dokumente mit verschiedensten Angaben - von Entlausungsaktionen über die Brandmarkung von Menschen als Homosexuelle bis hin zu Massenerschießungen. Seit Ende des Krieges haben Abertausende den Suchdienst eingeschaltet, um das Schicksal von Familienangehörigen aufzuklären. (tso/dpa)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben