Politik : Holocaust-Gedenktag: Rau fordert Schranken für Wissenschaft

Robert von Rimscha,Hartmut Wewetzer

Bundespräsident Johannes Rau fordert in der Debatte über die Gentechnik einen "Fortschritt nach menschlichem Maß". "Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist gebunden an die grundlegenden Werte unserer Verfassung", sagte Rau am Freitag in Berlin. Wer dies als Behinderung kritisiere, verwechsele die Aufgaben von Wissenschaft und Politik. Indirekt bezog der Bundespräsident damit Stellung gegen Bestrebungen in der Regierung, vom restriktiven Kurs vor allem in der Embryonenforschung abzurücken. Unterdessen teilte ein Schweizer Unternehmen mit, den genetischen Code von Reis vollständig entschlüsselt zu haben.

Bei der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus forderte Rau am Freitag, Wissenschaftler müssten ethischen Grundregeln gehorchen. Die NS-Zeit lehre, dass Grundwerte als Richtschnur unverzichtbar seien. Der Nationalsozialismus sei im Kern ein entgrenzter Modernismus gewesen, in dem Eliten "ohne jede Selbstbeschränkung" versucht hätten, totalitäre Utopien umzusetzen. Die Lehre aus der NS-Zeit bestehe darin, einer solchen Entgrenzung entgegenzuwirken.

Vor einer Liberalisierung beim Embryonenschutz warnte auch Baden-Württembergs Sozialminister Friedhelm Repnik. Der CDU-Politiker sagte in Stuttgart, oberflächlicher Pragmatismus dürfe nicht die Oberhand über Lebensschutz und Menschenwürde gewinnen. "Gesetzliche Schranken müssen verteidigt werden", forderte Repnik. Wenn Kanzler Schröder in der schwierigen Bioethik-Debatte seinen Kritikern Fundamentalismus und ideologische Scheuklappen vorwerfe, sei dies nicht hilfreich. "Nützlichkeitsdenken darf uns nicht verführen, menschliches Leben als Wegwerfprodukt zu missbrauchen", sagte Repnik.

Mit dem Wechsel an der Spitze des Gesundheitsministeriums hat sich beim Umgang mit der "roten Gentechnik" eine Wende in der Politik der Bundesregierung angedeutet. Die neue Ressortchefin Ulla Schmidt (SPD) lehnt die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht so kategorisch ab wie ihre Amtsvorgängerin Andrea Fischer (Grüne), deren in Regierungskreisen nun als restriktiv betrachteter Gesetzentwurf nicht weiterverfolgt werden soll. Anders als Fischer will Schmidt auch das Embryonenschutzgesetz in dieser Wahlperiode nicht mehr ändern.

Das Schweizer Unternehmen Syngenta hat offenbar das Duell mit dem US-Saatguthersteller Monsanto um die vollständige Entschlüsselung des Genoms der Reispflanze gewonnen. Syngenta und sein US-Partner Myriad Genetics teilten am Freitag in Zürich mit, die 50 000 Gene des Reis mit 430 Millionen einzelnen Erbgut-"Buchstaben" in Kalifornien vollständig entziffert zu haben. Davon verspreche man sich Verbesserungen bei der Reiszucht und beim Getreideanbau, sagte ein Firmensprecher.

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