Politik : Holocaust-Gedenktag: Rau für Fortschritt nach menschlichem Maß

Robert von Rimscha

Bundespräsident Johannes Rau hat seine Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus dazu benutzt, vor entgrenztem Fortschritt und irrigen Machbarkeitsvorstellungen zu warnen. Wenn die richtigen Lehren aus der NS-Zeit gezogen würden, "dann werden wir manches nicht machen dürfen, was wir machen könnten", sagte Rau am Freitag bei einer Sondersitzung des Bundestages. Vor dem Hintergrund der Debatte über Chancen und Risiken der Genetik mahnte Rau einen "Fortschritt nach menschlichem Maß" an.

Rau leitete seine Bemerkungen von einer Interpretation des Nationalsozialismus als "Irrweg der Moderne" ab. "Lange Zeit erschien uns das Dritte Reich als eine rückwärts gerichtete Epoche", sagte der Bundespräsident. "Das war ein Fehler." Vor allem zukunftsgläubige "Wissenschaftler ohne jede Selbstbeschränkung" und andere Angehörige der Elite hätten den Nationalsozialismus unterstützt, weil er auf der Höhe der Zeit zu sein schien.

Verständnis äußerte Rau für "Unbehagen und Unwillen" gegenüber "staatlich verordnetem Erinnern". Rau nahm Argumente aus der von dem Schriftsteller Martin Walser ausgelösten Debatte auf und verlangte, sich mit der Kritik auseinander zu setzen, Schüler würden mit NS-Geschichte überfüttert, Schuldgefühle würden vermittelt, das Gedenken sei ritualisiert, und das Ausland solle besänftigt werden. "Nicht jeder, der so fragt, tut das in böser Absicht", sagte er. "Darum wäre es falsch, alle, die so fragen, pauschal in die rechtsextreme Ecke zu stellen."

Historische Kenntnis sei keine Garantie gegen die Wiederholung von rassistischer Gewalt, meinte Rau. "Es gibt Rechtsextremisten, die viel über das Dritte Reich wissen, mehr als manche andere." Aus Wissen allein entstehen "weder persönliche Moral noch ethische Überzeugungen". Auch Bundestagspräsident Thierse sagte bei der Gedenkveranstaltung, Rechtsextremismus lasse sich nicht durch Dekrete unterbinden. "Der politische Appell allein verhallt", sagte Thierse. Er wandte sich gegen ein "arithmetisches Gedenken", bei dem die verschiedenen Opfergruppen ihrer Zahl nach gewürdigt werden. Musiker aus der Volksgruppe der Sinti und Roma untermalten die Veranstaltung.

Rau erhielt Beifall für seine Aussage, er hoffe, dass die ersten Zahlungen aus dem Fonds für Zwangs- und Sklavenarbeiter "bald möglich werden". Er würdigte den deutschen Widerstand in allen Schattierungen von Kommunisten bis Konservativen. Die Verbrechen der NS-Zeit seien "von Deutschen, nicht von den Deutschen, aber auch nicht im deutschen Namen, wie oft gesagt wird", begangen worden. "Wenn wir uns an diese Zeit erinnern, dann nicht deshalb, weil wir Deutschen besonders anfällig wären für Rassismus und Antisemitismus." Heute bedrohe der gewalttätige Extremismus "unsere Gesellschaft und unsere staatliche Ordnung nicht in ihrem Kern".

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