Holocaust-Gedenktag : Um das Überleben gespielt

Er sollte dem Lagerführer Akkordeon beibringen. „Wenn ich es in einer Woche kann, wirst du leben“, sagte der zu ihm, sonst werde er sterben, wie noch kein Jude im Lager gestorben sei. Wie die Musik Leopold Kozlowski vorm Holocaust rettete.

Agnieszka Hreczuk
Die Noten muss man fernhalten. Und mit dem Herzen spielen. „Das macht die Klezmer-Musik aus“, sagt Leopold Kozlowski, der heute 93 Jahre alt ist.
Die Noten muss man fernhalten. Und mit dem Herzen spielen. „Das macht die Klezmer-Musik aus“, sagt Leopold Kozlowski, der heute 93...Foto: Agnieszka Hreczuk

„Es war in einem Kulturhaus in Ostdeutschland. Ich habe gesagt, ich will Musik hören. Am nächsten Tag kam ich wieder. Der Hausmeister zeigte mir einen Platz im Saal. „Hier saß mal Hitler“, sagte er mir. Und ich habe mich dort gesetzt. Ich, Jude. Das Orchester spielte. Und ich rief am Ende: „Papa, dein Traum ist wahr geworden. Sie spielen für uns.“

Die Stimme von Leopold Kozlowski bricht immer noch zusammen, wenn er sich an das Geschehen von vor fast 70 Jahren erinnert. Schnell wischt er die Tränen ab, die über die Wange fließen und am prächtigen weißen Schnurrbart hängen bleiben.

Sein Vater konnte nicht sehen, wie die Deutschen für einen Juden spielten. Auch sein Bruder und seine Mutter nicht. Denn die ganze Familie Kleinman- Kozlowski ist gestorben im Holocaust, sie gehörte mit zu jenen, derer am heutigen Freitag gedacht wird.

Dass Leopold überlebte, liegt an seiner Musik. Die hat ihn gerettet.

Leopold Kleinman-Kozlowski, heute 93 Jahre alt, klein und rundlich, ist Klezmer. Ein traditioneller jüdischer Musiker. Der letzte Galiziens. Außer ihm sonst spielt niemand nach der alten Tradition, in der Klezmorim jahrhundertelang gespielt hatten. Das heißt: Eigentlich spielt ein Klezmer nicht. Das betont Kozlowski immer wieder. „Wissen Sie, woher das Wort Klezmer stammt? Von zwei anderen Wörtern: Musikinstrument und Beten. Denn ein echter Klezmer betet mit seiner Geige oder Klarinette, er spricht mit Gott. So ist es richtig.“

Kozlowski läuft schnell durch den Warschauer Konzertsaal, klettert hoch auf die Bühne. Die Absätze seiner eleganten, lackierten Halbschuhe klopfen rhythmisch auf dem Parkett. Er zieht die Hosenträger hoch. Schiebt mit der Hand seinen Haarkranz auf dem Hinterkopf zurecht und setzt sich ans Klavier. Als er dann spielt, guckt er in die Ferne.

Er singt und spielt noch regelmäßig. Gleich steht eine Probe an mit Schülerinnen. Es sind vor allem Frauen, die bei ihm lernen wollen, wie man die traditionelle Musik singt. Dabei sagt Kozlowski: „Lernen kann man sie nicht. Aber nach 15 Jahren Unterricht kann man die Musik schon spüren.“

Seine tiefe Stimme wird lauter. „Memento Moritz“ heißt das Lied, das er singt. Es erzählt von einem jüdischen Schuhmacher aus Krakau, der Schuhe, die er gemacht hat, am Aufschlagen der Absätze erkennen konnte. Es hat ihn glücklich gemacht. Eines Tages hörte er auf der Treppe Schritte, die er nicht kannte. Das waren nicht seine Schuhe. Es waren die Schuhe seiner Mörder.

Das ist genau das, sagt Kozlowski, was der Klezmer nach dem Krieg machen musste. „Die Geschichte seines Volkes erzählen. Damit man sie nie vergisst. Auch meine Mutter und mein Vater dürfen nie vergessen werden.“ Kozlowski wurde musikalischer Berater in US-amerikanischen Filmen über Krieg und Holocaust, spielte in „Schindlers Liste“ eine kleine Rolle, wanderte von Konzert zu Konzert durch Europa.

Es ist ein bisschen, als hätte er keine Wahl gehabt. Das Leben seiner Familie war seit Generationen von Musik bestimmt. Sein Großvater spielte vor Kaiser Franz Josef, sein Vater, Cwij Kleinman, für das polnische Staatsoberhaupt Jozef Pilsudski. Sein Onkel, Naftali Bradtwein, emigrierte vor dem Krieg in die USA – wo er zum König der jüdischen Musik gekrönt wurde. Musik war die einzige Welt, die der 1918 geborene Leopold kannte. Er schließt ein Konservatorium ab, will mit seinem Vater in einem Ensemble spielen, der jüngere Bruder, Adolf, soll sie begleiten. Dann kommt der Krieg.

Als die Deutschen 1941 in Przemyslany, einer Kleinstadt nahe Lemberg, einmarschierten, hieß es, sie suchten nur Männer, keine Frauen, also floh Leopold mit dem Vater, dem jüngeren Bruder Adolf und einer Geige nach Osten, fast bis Kiew. Dort fanden sie ein Versteck auf einem Dorffriedhof, aber sie hielten es nicht lange aus – und beschlossen das Wagnis Heimweg, auf dem die Musik zum ersten Mal Leopolds Leben rettete.

Sie trafen auf deutsche Soldaten, die in ihnen sofort flüchtige Juden erkannten. „Sie stellten uns an einen Straßengraben, und zielten auf uns mit Gewehren.“ Da fragte der Vater, ob sie vor dem Tod noch etwas spielen dürfen, sie hätten eine Geige dabei. Warum nicht, ein paar Minuten Leben können die Soldaten diesen drei halb verhungerten Juden noch schenken. Sie spielen einen Tango, „Dieser letzte Sonntag“, ein in Polen beliebtes Stück. Die Soldaten hören zu. Und dann passierte ein Wunder. „Die Gewehre senkten sich, ,ab’, haben sie uns gesagt, und dann gingen sie weiter. Wir haben überlebt.“ Sein Vater sagte danach zu ihm: „Ach, wenn sie einmal auch für uns spielen würden.“ Diese Worte seines Vaters Cwij Kleinman hat sich Leopold gut gemerkt.

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