Politik : Holocaust-Mahnmal: Peter Eisenman soll "Haus der Information" nun realisieren

Thomas Lackmann

War die Panikmache der letzten Tage vor einer Kostenexplosion des umstrittensten Bauprojekts Deutschlands nur ein Sturm im Wasserglas? Wolfgang Thierse jedenfalls spricht hochzufrieden von einem "großen Fortschritt": Der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas verkündete am Freitag im Reichstag den jüngsten Konsens seines Gremiums. Mit 17 Stimmen bei drei Enthaltungen ist Architekt Peter Eisenman beauftragt worden, das "Haus der Information" zum Mahnmal unter der Südöst-Ecke seines Stelenfeldes zu realisieren. Prognose für dieses Untergeschoss: 20 Millionen Mark. Dort soll eine 800-Quadratmeter-Ausstellung "den Opfern Gesicht, der Erinnerung historische Bestimmtheit" geben, ohne dem Denkmal selbst oder anderen Gedenkstätten Konkurrenz zu machen. Berlin übernehme die Bauleitung, das sei sein Beitrag; "wenn das Land zu größeren finanziellen Heldentaten bereit ist", sagt Thierse, "werde ich das sofort bejubeln". Termine könne er nicht nennen, auch die Kosten des Stelenfeldes selbst wisse noch keiner; unterhalb der Summe für den Info-Trakt würden sie wohl kaum liegen. Nun erwarte man von Eisenman technische Konkretisierungen samt Kostenvoranschlag.

Etwas weniger optimistisch war das Mahnmal-Thema zwei Tage zuvor in dem Parlament, dem der Kuratoriums-Chef ebenfalls präsidiert, behandelt worden. Auf eine Frage der FDP nach geschätzten Bau-Gesamtkosten hatte Staatsminister Naumann abgewiegelt: Es gebe noch gar keine Kalkulation. Eine erste "Analyse" liefere Eisenman dieser Tage. Sobald "eine Unterlage Bau vorliegt, die von der hiesigen Baubehörde geprüft worden ist", werde das Kuratorium, danach der Bundestag "mit einer genauen Kostenanalyse konfrontiert". Die Kosten einer Stele habe bislang noch niemand durchgerechnet. "Aber die Entscheidung über die Gesamthöhe obliegt selbstverständlich dem Souverän, also Ihnen."

"Der unterkellert uns noch ganz Berlin"



Werner Hoyer, FDP-Mitglied des Haushaltsausschusses und Mahnmalbefürworter, tadelte diese Nebulösität gegenüber dem Tagesspiegel als "haarsträubend". Das Mahnmal-Votum des Bundestages gebe Naumann keine carte blanche. Der Minister sei "durchgeknallt, was die Dimension angeht, der unterkellert uns noch ganz Berlin". Noch während der Sommerpause solle der Finanzminister in dieser Sache dem Ausschuss berichten: Falls es zum Eklat komme, dann doch lieber, bevor sich das Kuratorium zu sehr in einen Entwurf "verliebt" habe.

Auch die Unkenrufe jener Gremienmitglieder, denen ein expandierendes Info-Haus zum Mahnmal immer schon als Bedrohung des Stelenfeldes erschienen war, erschallten im Vorfeld der Kuratoriumssitzung: Im Falle der Unterkellerung, befürchteten sie, sei zwar nicht die ästhetische Wucht des Kunstwerks, aber das finanzpolitische Gleichgewicht in Gefahr, der Infobereich teurer als das Denkmal selbst. Von Grundwasser, Sandboden und bis zu 100 Millionen Mark Gesamtkosten war die Rede. Diese Sorgen sind erst mal vom Tisch. Die Gegner der unterirdischen "Naumann-Lösung" zogen ihren Antrag auf eine oberirdische Machbarkeitsstudie zurück, als Eisenmans Prognose lediglich Keller-Kosten zwischen 16 und 18 Millionen signalisierte (die Thierse dann, sicherheitshalber, coram publico auf 20 Millionen aufrundete). Schließlich war ja selbst die Erdgeschoss-Lösung auf zehn Millionen plus fünf für den zusätzlich nötigen Grunderwerb geschätzt worden - da kann die Kostenkeule gegen das Keller-Modell nicht mehr funktionieren. So tritt denn auch eine der Unkenrufer, Lea Rosh, bei der Pressekonferenz im Reichstag durchaus konstruktiv auf. Sie betont die bleibende Verantwortung des Förderkreises für einen Teil der Finanzierung: Es gehe um ein "Denkmal des deutschen Volkes, nicht nur des Staates". Deshalb seien sogar Kleinstbeiträge wichtig. Im Juli werde man wieder am Denkmal-Gelände sammeln.

Peter Eisenman, der sein neuestes Pappmodell der Anlage präsentiert, räumt ein, dass zwar nicht der märkische Sand, aber das Grundwasserdruck-Problem bezwungen werden müsse. Ein Jahr der Planung benötige er noch, drei Jahre brauche man zum Bauen. Der Architekt erläutert die nunmehr entschiedene Platzierung des Ausstellungs-Kellers an der Südost-Ecke des Terrains: Die nordwestliche Variante, nahe dem Brandenburger Tor, hätte viele Besucher vorab zum Erklärungs-Ort gelenkt. Man wolle sie aber zuerst in das Erlebnis unerklärlicher Orientierungslosigkeit führen, auf dem Stelenfeld.

Für den Info-Ort haben die Historiker Reinhard Rürup, Andreas Nachama und Eberhard Jäckel dem Kuratorium ein Konzept vorgelegt, das einstimmig gebilligt wurde. Auszuarbeiten bleibt, wie dort auf weitere Gedenkstätten und Mahnmale anderer Opfergruppen verwiesen werden kann. Ein "Raum der Schicksale", ein "Raum der Namen" und ein "Raum der Orte" sollenZahlen, Biografien, die europäische Topographie der Vernichtung, alle bekannten Opfer-Namen dokumentieren. In einem "Raum der Stille" wolle man versuchen, mit "einem einfachen, fundamentalen Satz zusammenzufassen: Das ist der Holocaust." Schwierig sei das, sagt Wolfgang Thierse.

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