Politik : Holocaust: Rabbi: Opfer der Nazi-Verbrechen mussten für Sünden zahlen

Charles A. Landsmann

Die sechs Millionen jüdischen Holocaust-Opfer sind wiedergeborene Sünder. Diese ungeheuerliche Behauptung stellte nicht ein wirrer Neonazi auf, sondern der geistige Führer der Shas-Partei, Ovadia Josef. Im ersten Sturm der Entrüstung gingen seine Ausfälle gegen Ministerpräsident Barak und die Palästinenser unter, obwohl diese von erheblicher politischer Bedeutung sind.

Ovadia Josef hat wieder einmal zugeschlagen: Im Rahmen seiner per Satellit und von den illegalen Radiosendern der Shas-Partei direkt übertragenen Predigt vor seinen begeistert applaudierenden Anhängern nahm sich Rabbi Josef diesmal der Holocaust-Opfer an, denen er die Schuld an ihrem grausamen Schicksal zuschob. Sie seien Reinkarantionen von Sündern gewesen und hätten deshalb sterben müssen. Der greise Rabbi wörtlich: "Sie waren die Wiedergeburt von Sündern, die zur Erde zurückgeschickt wurden, um für ihre Sünden zu bezahlen".

Ovadia Josefs Intimfeind in der Politik, der cholerische Chef der säkular-antireligiösen Shinui-Partei Josef Lapid, selbst Holocaust-Überlebender, bezeichnete daraufhin den Rabbiner als "alten Narren", welcher der Rehabilitierung Hitlers helfe, denn schließlich habe dieser gesagt, die Juden seien Sünder. Ovadia Josef ging aber, was er übersah, noch weiter, indem er Hitler zum Vollstrecker von Gottes Willen, also zu einem Werkzeugs Gottes machte.

Die diversen Organisationen der Holocaust-Überlebenden forderten den Alt-Rabbiner auf, seine "unglücklichen Bemerkungen" zurückzunehmen. Sie seien über seine Worte erschüttert und entsetzt. Josefs Äusserungen verletzten die Würde der Toten und die Gefühle der Überlebenden, er gebe auf eine Art gar den Neonazis und Antisemiten Recht.

Der Entrüstungssturm in der breiten Öffentlichkeit zwang auch die Politiker zu Stellungsnahmen, die aber deutlich vom politischen Gewicht Ovadia Josefs bestimmt wurden. Der 80-Jährige entscheidet praktisch allein über das Verhalten der Shas-Partei und damit auch über deren eventuellen Wiedereintritt in die Koalition, beziehungsweise über deren Zustimmung zu vorzeitigen Neuwahlen.

So beließ es Ministerpräsident Ehud Barak bei der Bemerkung, Ovadia Josefs Worte seien einem Mann seiner Stellung unwürdig. Er habe die Erinnerung an die Opfer und die Gefühle der Überlebenden und deren Nachfahren verletzt. Oppositionschef Ariel Scharon bedauerte die Äußerungen, die viele schwer getroffen hätten. Der neue Staatspräsident Mosche Katzav schließlich befand, dass, wenn die Interpretationen der Worte Josef richtig seien, diese nicht akzeptbael seien und er sich von den Äußerungen distanziere.

Die interessantesten Bemerkungen machten übereinstimmend der Direktionspräsident der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und ehemalige Knesset-Vorsitzende Shevah Weiss und der heutige Parlamentspräsident, der religiöse Abraham Burg: Bei Ovadia Josefs Worten handele es sich um eine unter Ultrareligiösen verbreitete Erklärung für den Holocaust, weil sie keine Antwort auf die Frage nach dem Verbleib Gottes während der Shoa hätten.

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