Holocaust-Überlebende : Das Ende seiner Suche

Im Jahr 2009. Ein alter Herr, ein Holocaustüberlebender, geht nervös in der Hotellobby auf und ab. Ihm steht etwas bevor. Er wird gleich Eva treffen, seine Schwester, die 1945 plötzlich verschwand, nach der er jahrzehntelang geforscht hat.

Daniel Jahn
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„Singen, lachen, tanzen.“ Avraham Lavi wartet im Brüsseler Hotel Vendôme auf das Taxi, das ihn zu Eva bringt. Ob er Angst habe?...

Brüssel / Tel AvivEr hat es zu Ende gebracht. Hat die Lücke in seinem Leben geschlossen, die über Jahrzehnte klaffte wie eine Wunde. 70 Jahre nach Beginn des Krieges, der seine Kindheit ruinierte. „Ich wurde gejagt wie eine Maus“, sagt er.

Es ging ihm um die Wiederaneignung seiner Geschichte, die ihm von den Nazis diktiert wurde. Rettung versprach nur eines: die Suche nach Eva.

Es ist ein Februartag in diesem Jahr. Verloren steht Avraham Lavi, 73, in der Lobby des Brüsseler Hotels Vendôme, Avenue Adolphe Max. Die Tagungsräume hier tragen die Namen großer Regisseure: Lubitsch, Buñuel, Polanski, Bergman. Und an diesem Februartag wird auch Lavi einen Film drehen – über das Schicksal seines Lebens. Er wird Eva treffen. Er hat sie tatsächlich gefunden, ein Wunder fast, nach so vielen Jahren.

Das Treffen soll am Nachmittag im Vorort Woluwe-Saint-Pierre stattfinden. So will es sein Plan für das Wiedersehen, das Drehbuch für diesen Tag, auf den er jahrzehntelang hingelebt hat.

Er, Avi, Zweitname Egon aus Verehrung für den Journalisten und Schriftsteller Egon Erwin Kisch, Tarnname Egon Liptak, Jude, Slowake, Israeli, Holocaustüberlebender, hat sich alles genau ausgemalt, als lasse Leben sich inszenieren. Israelische Dokumentarfilmer aus Tel Aviv begleiten ihn. Sie sollen das Ende seiner Suche professionell aufnehmen. Ein befremdliches Vorgehen einerseits. Aber die Kamera ist für ihn längst unverzichtbar geworden. Die ganze Suche nach Eva hat er gefilmt, eine Psychotherapie und ein Filmkurs für Holocaust-Opfer haben ihn dazu gebracht. Filmen sei für ihn wie eine neue Sprache, hat Lavi gesagt. Jetzt kann er nicht ohne Kamera das Finale bestreiten.

Michael Ermann, Psychoanalytiker und ehemaliger Abteilungsleiter der Psychiatrischen Universitätsklinik München, sagt, die „ästhetische Form“ schütze vor „emotional überwältigenden Erinnerungen“. Und vielleicht ist es ja auch so, dass Lavi mit dem Drehbuch an seiner Seite sicher ist vor Kontrollverlust. Nachdem ihm damals die Nazis die Hoheit über seine Kindheit entrissen, hält er sie diesmal fest in der Hand: sein Leben, sein Plan.

Und so geht Lavi in der Brüsseler Hotellobby auf und ab und wirkt dabei angespannt wie ein Schauspieler vor der Premiere; ein älterer Herr mit warmen Augen, braun und gutmütig. Augen, die lächeln können – und früh das Weinen verlernt haben, wie er sagt.

Eva, das ist: die Erinnerung an ein stilles, dunkelhaariges Mädchen, sechs Jahre alt, die in der Not adoptierte Schwester, die nur kurz in seinem Leben war, vom Frühjahr 1944 bis zum Sommer 1945, als sie verschwand. Der er aber viel verdankte, wenn nicht alles.

„Mit Eva habe ich die schlimmste Zeit meines Lebens durchgemacht“, hat Lavi ein paar Monate vor der Reise nach Brüssel gesagt, da war er noch in Israel, wo er wohnt. Er stand auf seiner Dachterrasse in Givat Shmuel bei Tel Aviv. An klaren Tagen sieht man vom Mittelmeer bis zu den Judäischen Bergen, an windstillen die gelbgraue Smoghaube der weißen Stadt. Hier oben pflegt er Farne, Gräser, Blumen in Dutzenden Kübeln, seit er im Botanischen Garten der Universität Führungen gibt. Er liebt die Lithoflora, Felsgewächse, deren Wurzeln Stein brechen können.

Seine Kindheit sei eine Art Steinzeit gewesen, hat Lavi noch gesagt. 1944 wurden die Eltern von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt. Ein halbes Jahr lang mussten die beiden Kinder sich durchschlagen, dann war der Krieg vorbei. Einmal habe er verzweifelt aufgeben wollen, doch da habe ihn die kleine Schwester zurückgehalten. „Sie hat mir noch einmal das Leben geschenkt.“ Und dann war sie weg. Verschwunden. Ihre letzten bekannten Adressen: ein Waisenhaus in Bratislava, ein Sammellager in Stuttgart. Dann keine weiteren Spuren.

Bevor es losgeht an diesem Februartag zum Treffen, hat Lavi in seinem Hotelzimmer gesessen und geweint. Als die Dokumentarfilmer ihm ein Foto gegeben haben. Eine Schwarz-Weiß-Erinnerung, die Eva hockend zeigt neben gestapelten Holzscheiten, geknipst in den ersten Friedenstagen im Garten jenes Waisenhauses. Sie haben es sich von Eva ausgeliehen, am Vormittag, als sie bei ihr waren, um den Ablauf zu besprechen.

Zum ersten Mal sieht Lavi das Mädchen wieder, die Schwester, die er so lange nur erinnerte.

„Die Haare, wie Anne Frank“, flüstert er und verliert kurz die Kontrolle.

Ob er Angst habe vor der Begegnung oder einer Leere danach? „Nein“, hatte Lavi vor dem Brüsseler Termin mitgeteilt, „ich fühle nur Freude“. Und: „Wir werden singen, lachen, tanzen.“

Jahrelang hat er gesucht, die Scherben seiner Identität zusammengetragen. Er war in Polen, in der Slowakei, in Berlin, in den USA, in den Archiven der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen im Harz. „Jede Entdeckung war ein Puzzleteil, das das Bild vergrößerte“, sagt Lavi, „aber auch den Schmerz der Vergangenheit linderte.“ Und dann, an einem Septembertag 2008, kam ein Brief aus Bad Arolsen in Tel Aviv an: Die Gesuchte lebe in Belgien, verkündete der Suchdienst des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, mit 50 Millionen Karteikarten zu 17,5 Millionen Holocaust-Opfern eines der größten NS-Archive weltweit.

In dürrer Amtssprache der Zusatz: „In addition, we were told that Mrs. Muhlstein is looking forward to having contact with Mr. Lavi.“

Trotzdem dauerte es noch einmal drei Monate, bis er ihre Telefonnummer hat. „Ich war seit meiner Kindheit den Tränen nicht näher als an diesem Tag“, erinnert sich Lavi. Einer seiner Söhne muss die Nummer wählen, Lavi kann vor Aufregung den Hörer nicht halten. Sie rufen noch am selben Tag an, wenige Stunden nachdem er die Nummer erhält. Kein Zögern. Er muss es zu Ende bringen.

Damals, in der „schlimmsten Zeit“, hat er Halt gesucht in der Literatur. In seinem Versteck bei slowakischen Bauern las er die Bücher seiner verschleppten Eltern: griechische Mythologie, Hemingway, Max Brod, Nachlassverwalter und Biograf Franz Kafkas. Von Kafka stammt ein Satz über die Unmöglichkeit der Rückkehr, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist: „Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“

Vielleicht ist Avraham Lavi an diesem Februartag dem Punkt ganz nah.

Am Nachmittag bringt ein Taxi Lavi und die Dokumentarfilmer in die Avenue des Merles in die Vorstadt im Brüsseler Osten. Sie erreichen Evas Haus. Ist er am Ziel? „Es ist wie ein Traum. Ich habe Angst, daraus aufzuwachen“, sagt er nur.

Eine gediegene, ruhige Nachbarschaft, gepflegte Vorgärten, gestutzte Hecken, schmucke Eigentumshäuser. Lavi steigt aus dem Auto aus. Die Kameraleute machen ihre Geräte klar. Bedächtig geht er auf Evas Haus zu, hält inne. Für die Kamera schaut er sich um. Er hebt die Hand, drückt den Knopf. Kaum dass er klingelt, öffnet Evas Mann ihm schon.

Auf ein Zeichen der Regisseurin geht Eva ihrem Gast entgegen. Sie umarmen sich, flüchtig fast, so wie Brautleute der Ermunterung des Standesbeamten zum Kuss folgen. „Evitschka“, sagt Lavi. „Ich bin so froh.“

Dann stoppt die Kamera. Drehpause.

Lavi und seine wiedergefundene Adoptivschwester, 60 Jahre lang vermisst und verzweifelt gesucht, nehmen auf zwei übereck gestellten Sofas Platz. Sie wahren Distanz. Lavi hält ihr Mädchenfoto aus Bratislava in der Hand, redet darüber, wie seine Mutter sie „Oyzka“ rief. Avi redet, Eva nickt dazu, knetet ihre Finger. Später reden sie darüber, wie sie als Kinder gespielt haben und auf der Schaukel schaukelten, die der Vater im Hof gebaut hatte. Er redet viel mehr als sie. Als er ihr den ersten Teil seines Films zeigt, der seine Suche dokumentiert, der sogar schon im israelischen Privatfernsehen gelaufen ist, entdeckt sie darin ihre Mutter. Ihre Mutter, die immer vom Wiedersehen träumte, aber Ende 2007 starb. Da hat Eva Tränen in den Augen.

Damals, ohne Mutter und Vater, wollte Lavi im Schnee sterben: „Man schläft ein, alles ist ruhig.“ Keine Bilder mehr. Reines Weiß. Vergessen. Frieden.

„Jetzt will ich leben“, sagt er. Und Frieden finden, indem er mit der Kamera das Vergessen bekämpft: Erinnerungen zum Vor- und Rückspulen, beherrschbar für einen, der in ohnmächtiger Angst die Deportation der Eltern erlebte. Eine Rückkehr zu den schwarzen Löchern der Erinnerung darf es nicht geben. Nicht für ihn, nicht für die Nachkommen. Dieser Punkt ist zu erreichen.

Der 15. November 1944 war so ein schwarzes Loch. Unter einen Tisch gekauert hört er als Neunjähriger in der Bauernstube ukrainische Nazi-Helfer „Judo, Judo!“ brüllen. Das Familienversteck im Dorf Liptovský Kriz ist aufgeflogen. Der Vater wird nach Sachsenhausen verschleppt, die Mutter nach Ravensbrück. Avi und Eva bleiben unentdeckt, weil eine Bäuerin sie geistesgegenwärtig als ihre Kinder ausgibt. Die Wehrmacht besetzt den Ort. Weil die Dörfler Angst haben, als Juden-Helfer entdeckt zu werden, sind die Geschwister auf sich gestellt. In diesem Krieg, der sie gerade erst zu Bruder und Schwester gemacht hatte, ein paar Monate zuvor, als Eva adoptiert wurde von den Lavis, die einem Fluchthelferring angehörten.

Die Lavis nahmen das Mädchen, das eigentlich Erna Mühlstein hieß, aber zur Tarnung Eva Volekuvna genannt wurde, im März 1944 auf, was da noch möglich war, da ihre Heimatregion zum Zentrum des slowakischen Nationalaufstands gehörte. Die Adoptionsurkunde trägt das Datum 17. August 1944. Als die Partisanen unterlagen, flohen die Lavis ins nahe Liptovský Kriz, wo sie aufgespürt wurden. Doch die Eltern überlebten die Konzentrationslager. Und gleich 1949, als sie nach Israel ausgewandert waren, begannen sie die Suche nach der Tochter.

„Ich habe sehr wenige Erinnerungen an meine Kindheit“, sagt die 60 Jahre später beim Treffen in ihrem Haus. Bis auf ihre Eltern und einen Cousin wurde ihre ganze Familie ausgelöscht. „Deshalb ist das Treffen so wichtig“, sagt sie, und dass Lavi ihre Realität sei. Als die Kameras kurz aus sind, lacht er: „Wir haben es geschafft.“ Auch sie lächelt. Sie steckt sich eine Zigarette an, obwohl sie doch mit dem Rauchen längst aufgehört hatte. „In gewisser Weise bin ich glücklich, aber eigentlich wäre ich lieber allein“, sagt sie. Mit ihm und den Erinnerungen. Aber nach all den Mühen Avis habe sie das Gefühl gehabt, das alles – seine Inszenierung – mitmachen zu müssen.

Dann läuft die Kamera wieder. Sie reden über ihre Kindheit, blättern in Alben, stoßen mit Wein an, den er vor zehn Jahren kaufte und dabei schwor, ihn erst zum Wiedersehen zu trinken. Das ist geschafft.

Lavi und die Regisseurin tanzen.

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