Politik : Holzmann: Leitartikel: Gefangen in der Deutschland AG

Der Kapitän verlässt erst das sinkende Schiff, wenn Passagiere und Besatzung in Sicherheit sind. An Land gilt das Gesetz der Seefahrt nichts. Philipp Holzmann hat seit sechs Wochen keinen Vorstandschef mehr. Jetzt geht der Bauriese in Konkurs und 25 000 Beschäftigte gehen mit ihm unter.

Nicht nur deshalb wird der Fall Holzmann in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Auch nicht wegen seiner Dimensionen, weil allein in Deutschland 10 000 Arbeitsplätze in Gefahr sind und Banken wie Aktionäre ein paar Millionen Euro verlieren. Da hat es schon größere Pleiten gegeben. Nein, Holzmann ist ein Symbol der Deutschland AG, ein Lehrstück für die unglückliche Verflechtung von Industrie, Banken und Politik. Die Spieler sind Branchenprimus Deutsche Bank als Großaktionär des Baukonzerns, Dresdner Bank, Commerzbank und Hypo-Vereinsbank als wichtige Geldgeber, die Baugewerkschaft mit starker Lobby bei Holzmann - und die Politik. Denn an Philipp Holzmann hat Gerhard Schröder 1999 exerziert, was sozialdemokratische Industriepolitik sein soll. Das ist gründlich daneben gegangen.

Damals drohte der Zusammenbruch des Bauriesen. Hoch riskante Bauprojekte hatten den Konzern an den Rand des Ruins geführt. Die Hausbanken stritten sich um die Risiken. Dann schlug der Bundeskanzler auf den Tisch. Ergebnis: Die Geldgeber rauften sich zusammen und zimmerten mit staatlicher Hilfe einen Finanzierungsplan. Doch die eigentliche Sanierung wollte nicht gelingen. Der Konzern ist als Ganzes nicht überlebensfähig, allenfalls in Einzelteilen.

Jetzt werden die Messer gewetzt. Wer trägt Schuld an dem Desaster? Ex-Vorstandschef Konrad Hinrichs, der vor zwei Jahren aus dem Ruhestand als Feuerwehrmann engagiert worden war? Er hat sich im Februar in den Aufsichtsrat verabschiedet. Rolf E. Breuer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank etwa, weil er sich viel zu früh mit einem "gerettet" aus dem Fenster lehnte? Vielleicht Breuers Rivale Albrecht Schmidt, Chef der einflussreichen Hypo-Vereinsbank, und Wortführer einer Bankengruppe, die das umstrittene Sanierungskonzept mit ihrem radikalen Nein blockierte? Oder ist es gar Gerhard Schröder selbst, dessen spektakuläre Rettungsaktion erst dafür sorgte, dass Holzmann immer noch auf der Tagesordnung steht?

Ausgerechnet im Wahljahr holen den Kanzler die Sünden der Vergangenheit ein. Er hat mitgespielt, er hat sogar orchestriert in diesem Vorzeigestück der Deutschland AG. Eine Rolle, die Schröder allzu gerne übernimmt. Damals war ihm der Jubel der Holzmänner sicher. Nun wittert die Opposition in Berlin ihre Chance, nutzt die öffentliche Empörung über den Zusammenbruch, um Schröder seine Holzmann-Aktion um die Ohren zu schlagen. Es wird ihr gelingen.

Schröder sitzt in der Falle: Den Kanzler der einfachen Arbeiter und Angestellten nimmt ihm im Moment keiner mehr ab. Den Kanzler der kleinen und mittelständischen Firmen, die vor der Übermacht der Konzerne geschützt werden müssen, auch nicht. Noch einmal bei Holzmann einzugreifen, verbietet sich. Wie sollte Schröder erklären, dass die schon gewährte Staatshilfe noch gar nicht abgerufen ist?

In Frankfurt wird ein Gerücht kolportiert: Weil die Banken sich nicht grün sind, muss Holzmann mit 25 000 Arbeitsplätzen in Konkurs gehen. Das wäre ein Riesenskandal, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Die lautet nämlich: Holzmann ist schon seit zwei Jahren konkursreif. Doch keiner hat sich getraut, das den Arbeitern ehrlich zu sagen. Das ist der eigentliche Skandal.

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