Honduras : Wer ließ Berta Cáceres töten?

Die Aktivistin kämpfte gegen ein Wasserkraftwerk, kam mächtigen Leuten in die Quere und wurde ermordet. Eine deutsche Firma belieferte das Kraftwerk. Trifft sie Schuld?

Alexandra Endres
Erinnerung an die ermordete Berta Cáceres. +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Erinnerung an die ermordete Berta Cáceres. +++(c) dpa - Bildfunk+++ |Foto: Mario Lopez/picture alliance/dpa

Wäre Gustavo Castro nicht bei Berta Cáceres gewesen, als ihre Mörder kamen, die Welt hätte das Verbrechen an ihr wohl schon längst vergessen. Die Aktivistin wäre in die Geschichte eingegangen als ein weiteres Gewaltopfer in ihrem Heimatland: eine Zahl in einer Statistik; noch ein unaufgeklärter Fall; noch ein ungestraftes Verbrechen.

Aber Gustavo war da. „Sie planten einen sauberen Mord“, sagt er, und meint die Hintermänner. „Sie hätten sich alles Mögliche ausdenken können.“ Bertas Tod als tragische Folge eines Raubüberfalls darzustellen, zum Beispiel. Niemand hätte widersprechen können – doch Gustavo sah einen der Mörder, und er erlebte, wie die Polizei danach versuchte, einem anderen die Tat anzuhängen. Der Mann, den er sah, schoss auch auf ihn. Gustavo hatte Glück; die Kugel streifte nur seine Hand und sein linkes Ohr. Dann hörte er Berta im Nebenzimmer rufen. Sie verblutete in seinen Armen.

In der Nacht vom 2. auf den 3. März 2016 wurde Berta Cáceres in ihrem Haus in der Stadt La Esperanza erschossen. Die Täter kamen kurz vor Mitternacht, als alles dunkel und still war. Sie kletterten über den hohen Maschendrahtzaun, der seither eingedrückt ist, brachen die Hintertür auf und fanden die Aktivistin in ihrem Schlafzimmer. Der Wächter, der ihnen Zufahrt zur Siedlung gewährte, erinnerte sich später nicht mehr daran. Am 4. März wäre Berta 45 Jahre alt geworden.  

Vieles spricht dafür, dass sie starb, weil sie mächtige Leute in Honduras störte. In der Geschichte um ihren Tod spielen der Fluss Gualcarque eine Rolle, ein Wasserkraftwerk, das am Gualcarque gebaut werden soll, und Proteste dagegen, die vor drei Jahren tödlich endeten. Eine einflussreiche honduranische Familie, die hinter dem Kraftwerksvorhaben steht. Voith Hydro, ein deutsches Unternehmen, das Turbinen liefern sollte und dem jetzt vorgeworfen wird, eine Mitverantwortung zu tragen für die Toten. Es geht um Profite und Armut; und um die Frage, auf welchem Weg man die Armut am besten besiegt – und wer das entscheiden soll.

Vor allem aber geht es um eine Frau, die ihr Leben "dem anti-imperialistischen Kampf" gewidmet hatte und die sehr wahrscheinlich deshalb getötet wurde.

 Wer war Berta Cáceres?

Berta war schon immer eine Rebellin, sagen jene, die sie kannten. Eine geborene Anführerin, die sich aber nie über ihre Gefährten erhob. „Sie war eine Frau wie wir“, erinnert sich eine Freundin. Sie motivierte die anderen, sich selbst stark und schlau zu machen, denn sie selbst, so warnte sie, würde eines Tages nicht mehr da sein. Berta erhielt regelmäßig Todesdrohungen. Wo sie wohnte, tauchten Fahrzeuge mit verdunkelten Scheiben und ohne Nummernschild auf. Sie wusste um die Gefahr. Doch ihre Fröhlichkeit verlor sie nie, sagen die Hinterbliebenen, und auch nicht ihren Widerstandsgeist.

Als sie jung war, kämpfte Berta mit ihrem damaligen Mann im Nachbarland El Salvador für die Frente Farabundo Martí (FMLN) und gegen die Militärdiktatur. Dann kehrten die beiden aus dem Bürgerkrieg zurück und wurden zu Aktivisten. Sie gründeten die Organisation Copinh, die sich für die Rechte der Indigenen in Honduras einsetzt, vor allem der Lenca. Berta, vierfache Mutter, Anti-Imperialistin und Anti-Kapitalistin, gab den Lenca neuen Stolz; sie war ja selbst eine von ihnen. Für ihr Engagement erhielt sie Preise in Deutschland und in den USA.

Neun Monate ist es jetzt her, dass sie starb. Doch für Angehörige und Freunde ist es, als sei sie noch immer da. Die Wände der Copinh-Büros in La Esperanza sind bedeckt mit Bildern und Zitaten, die an sie erinnern. „Berta ist nicht gestorben. Sie hat sich vervielfacht“, steht da neben Fotos von Ché Guevara. Ein paar Meter weiter prangt: „Das Recht, glücklich zu sein, ist etwas sehr subversives.“ An einem Deckenbalken verkündet ein Aufkleber: „Raus mit den Yankee-Militärbasen! Für eine wirkliche Unabhängigkeit!“ Und auf einem besonders großen Transparent steht: „Ihr habt die Kugel, ich das Wort. Die Kugel stirbt, wenn sie detoniert. Das Wort lebt, wenn man es weitergibt. – Berta Cáceres“. Das Transparent ist übersät mit Solidaritätsbotschaften aus aller Welt. 

Von draußen kann man in Bertas Büro Aktenordner stehen sehen, als wäre sie eben erst gegangen. Ihre Mitstreiter haben nichts verändert. Sie halten den Raum verschlossen und betreten ihn kaum – höchstens zur Erinnerung an die Tote, und um Besuchern das Zimmer zu zeigen. Auf Bertas Schreibtisch, zwischen Reiseandenken und Arbeitsunterlagen, liegen noch die Überbleibsel der jüngsten Gedenkzeremonie: verschiedenfarbige Kerzen, Wachsreste in rußigen Wassergläsern, ein Bastring, ein Maiskolben, ein Stein. Dinge, die im Kosmos der Lenca eine spirituelle Bedeutung haben. Sie stehen für die Elemente und die Natur, die alle ernährt.

Auch der Río Gualcarque habe für die Lenca einen spirituellen Wert, sagen die Leute von Copinh. Eingriffe in den natürlichen Lauf des Flusses lehnen sie ab; und sie nennen das geplante Wasserkraftwerk „ein Projekt des Todes“ – spätestens seit Bertas Tod kann man verstehen, warum.

Berta führte den Protest gegen das Kraftwerk an. Agua Zarca soll es heißen. Im September 2010 wurde es zusammen mit etwa 40 weiteren Wasserkraftwerken per Dekret genehmigt. Rechtswidrig, sagen die Copinh-Aktivisten und ihre Unterstützer. Rechtswidrig, sagen manche Anwohner draußen am Fluss, und auch die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte der indigenen Völker, Victoria Tauli-Corpuz kritisiert juristische Fehler. Die verantwortlichen Funktionäre hingegen finden, dass mit Agua Zarca alles seine Richtigkeit habe. Dennoch wird gegen sie ermittelt.

Wer verstehen will, warum Berta Cáceres starb, muss zum Río Gualcarque fahren, in die grünen Berge im Westen von Honduras.

Am Río Gualcarque

Der Fluss, für den Berta Cáceres ihr Leben ließ, ist eine wilde Schönheit. Weit weg von den großen Städten bahnt sich der Río Gualcarque seinen Weg zwischen bewaldeten Hügeln, Bohnen- und Kaffeefeldern, Felsen und Geröll. Wenn er wenig Wasser führt, entstehen Sandbänke in seinem Flussbett. Regnet es, färbt sich sein Wasser braun; regnet es viel, schwillt der Fluss zu einem mächtigen Strom. Nichts behindert hier seinen natürlichen Lauf: keine Betonwände, keine Schleusen, keine Röhren.

Wer vom Dorf La Tejera aus ans Flussufer will, muss zu Fuß durch dichtes Gestrüpp; vorbei an mächtigen Felsbrocken, die auf dem Pfad liegen, seit ein Steinschlag hier niederging. Niemand räumt sie weg. Dabei verkehrten hier früher Baumaschinen. Doch seit sie weg sind, erobert sich tropische Vegetation die Straße zurück.

„Sie wollen uns den Fluss nehmen“, sagen die Leute in La Tejera. „Sie“: Das sind fremde Investoren und Unternehmen aus der Hauptstadt, die den Gualcarque umleiten wollen, die planen, ihn durch Kanäle zu schicken und sein Wasser über Turbinen stürzen zu lassen, bevor er wieder in sein ursprüngliches Bett zurückkehren darf. Strom soll das Projekt erzeugen und Entwicklung bringen, sagen seine Verfechter – Entwicklung auch für die Leute von La Tejera.

Doch im Dorf sagen sie, die Bauarbeiten hätten ihnen den Zugang zum Fluss versperrt, und die Maschinen hätten ihre Bohnenfelder zerstört. Niemand habe sie vorab nach ihrer Meinung zu Agua Zarca gefragt.

Berta organisierte ihren Protest. Sie war oft in La Tejera, die Leute erinnern sich noch genau. Wie sie immer in Wanderstiefeln kam, um trittfest in der Wildnis unterwegs zu sein. Wie sie gemeinsam am Fluss kampierten. Wie Berta die Lenca ermutigte, sich selbst zu informieren und sich nicht auf andere zu verlassen. Nicht einmal auf sie.

Wochenlang blockierten sie die Baustelle von Agua Zarca – bis die Baumaschinen und Arbeiter schließlich abzogen. Vorher schickte der Staat Soldaten, um die Proteste zu stoppen; doch die Gegner des Wasserkraftwerks knickten nicht ein. Die Auseinandersetzung eskalierte. Menschen starben. Zählt man Berta hinzu, kamen bisher mindestens drei Personen wegen Agua Zarca ums Leben.

Derzeit ruhen die Arbeiten; nur ein paar Sicherheitsleute bewachen die Baracken. Die Baustelle wurde auf die andere Seite des Flusses verlegt – in einem vergeblichen Versuch, die Protestierenden zu besänftigen; und Bauherr Desa plant jetzt nur noch ein Laufwasserkraftwerk statt eines mit großem Staubecken. Doch das Vorhaben komplett aufzugeben ist für die Firma keine Option. 28 Millionen Dollar hat sie schon in Agua Zarca investiert.

Mit Voith Hydro ist auch ein deutsches Unternehmen an Agua Zarca beteiligt. Trägt es eine Mitschuld an der Gewalt? Die Frage klingt abwegig; doch das ist sie nicht. Nicht in einem Exportland wie Deutschland, dessen Regierung gerade die deutschen Unternehmen dazu bringen will, sich im Rahmen ihrer Geschäfte im Ausland stärker um den Schutz der Menschenrechte zu kümmern.

Besonders drängend stellt sich die Frage dann, wenn Geschäfte mit Ländern wie Honduras gemacht werden.

 Eine „kaltblütige Oligarchie“

Honduras ist ein Land, in dem Gewaltverbrechen kaum strafrechtlich verfolgt werden. Es sei denn, die Opfer sind – wie Berta – im Ausland bekannt. Können deutsche Unternehmen in solchen Ländern darauf vertrauen, dass der Staat die Menschenrechte schützt? Und wenn er es nicht tut: Geht es die ausländischen Firmen tatsächlich gar nichts an?

Voith Hydro hätte wissen können, dass Agua Zarca ein heikles Projekt ist, sagt Pedro Morazán. Er ist Fachmann für Armutsbekämpfung und Partizipation beim Südwind-Institut in Bonn. „Es kann doch nicht sein, dass ein Unternehmen sich über die Renditeaussichten in bestimmten Ländern informiert, aber nicht über die Menschenrechtslage.“ Wie problematisch die in Honduras ist, weiß Morazán genau, denn er stammt von dort, und obwohl er schon lange in Deutschland lebt, hat er noch enge Kontakte in sein Geburtsland.

Honduras ist extrem gewalttätig. 2015 zählte die Statistik 57 Morde auf 100.000 Einwohner, so viele wie in wenigen anderen Ländern – etwa zwanzigmal so viel wie in Deutschland. In vielen Fällen werden die Täter gar nicht erst ermittelt. Wichtige Routen des Drogenhandels führen durch das Land, kriminelle Banden morden, rauben, erpressen und terrorisieren die Bevölkerung. Die Gewalt kann jeden treffen – aber die Armen und die Angehörigen von Minderheiten sind besonders schutzlos.

So wie Bertas Volk, die Lenca. Die Indigenen würden in Honduras traditionell von der Politik unterdrückt, sagt Pedro Morazán. „Kein Wunder, dass sie dann gegen Infrastrukturprojekte, die von außen kommen, erst einmal protestieren. Das ist eine ganz normale Schutzreaktion.“

Honduras ist arm. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, die meisten von ihnen auf dem Land. Nirgendwo in Lateinamerika sei die Ungleichheit so groß, besagen Daten der Weltbank. Wenige wohlhabende Familien beherrschen das Land. Sie stellen die Politiker, die Unternehmer, die Bankiers. Pedro Morazán sagt, es sei eine „kaltblütige Oligarchie“, die ihre Interessen rücksichtlos durchsetze. Die Regierung unter dem Präsidenten Juan Orlando Hernández will das Land durch Privatisierungen entwickeln – das verschafft den Oligarchen neue Geschäftsmöglichkeiten und macht sie noch reicher.

Auch die Armen hätten etwas davon, sagen Regierungspolitiker und Unternehmer. Im Falle von Agua Zarca zum Beispiel: Schulen in den Dörfern am Fluss, Elektrizität, eine Krankenstation, Trinkwasser, Straßen, Arbeitsplätze.

Berta glaubte das nicht. Das Entwicklungsmodell des Präsidenten ist genau das Modell, das sie bekämpfte. Das tut auch Gustavo Castro, der einzige Zeuge des Mordes. Gustavo ist Mexikaner; er war eigens nach La Esperanza zu Copinh gekommen, um mit den Aktivisten dort über alternative Entwicklungswege jenseits des herrschenden Systems zu debattieren.

„Wir brauchen ein neues Modell des Zusammenlebens“, sagt Gustavo im Skype-Interview. „Eines, das zur indigenen Weltsicht passt. Wir wollen etwas anderes als die großen Projekte, die nur den Interessen der Unternehmen dienen.“ Denn mit denen sei es überall in Lateinamerika immer das gleiche: Regierung und Geschäftsleute versprächen eine Entwicklung, die nie ankomme. „Sie entschädigen die Anwohner nicht adäquat. Sie versperren ihnen den Zugang zum Wasser, sie privatisieren die Energie und verkaufen sie in den großen Städten und an die Bergbauunternehmen, damit sie die Bodenschätze ausbeuten können.“ Die Armen aber hätten nichts davon.

Das Thema versetzt Gustavo in Rage. Für ihn geht es hier nicht um Wirtschaftswachstum. Es geht um ungerechte Machtverhältnisse. Und darum, sie zu ändern.

Eine mächtige Oligarchie, eine wirtschaftsliberale Elite, antikapitalistische Aktivisten, ein Land voller Gewalt und Straflosigkeit: So sieht die gefährliche Gemengelage aus, in die sich Voith Hydro als Lieferant von Turbinen an Agua Zarca begab.

 

Die Lieferanten aus Deutschland

In Deutschland gibt es noch kein Gesetz, das regelt, welche Vorsichtsmaßnahmen deutsche Unternehmen treffen müssten, wenn sie in Ländern wie Honduras Geschäfte machen. Aber es gibt Regeln der Vereinten Nationen. Leitprinzipien, die besagen: Unternehmen sollten die menschenrechtlichen Risiken analysieren, bevor sie Verträge mit dem Ausland abschließen. Sie sollten die Verträge möglichst so gestalten, dass Menschenrechtsverletzungen vermieden werden – und reagieren, wenn sie doch passieren.

Ist das im Fall Agua Zarca geschehen? Anteilseigner Siemens will sich gar nicht dazu äußern. Voith Hydro erklärt per Mail: „Beim Projekt Agua Zarca lagen zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung alle damals notwendigen Bewertungen und Genehmigungen vor. Zum damaligen Zeitpunkt gab es für uns keine Anhaltspunkte oder Anzeichen, die eine noch umfassendere Analyse der menschenrechtlichen Risiken begründet hätten. (...) Voith verurteilt jede Art von Gewalt und gesetzwidrigem Verhalten.“

Es obliege der Verantwortung der Kraftwerksbetreiber, die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Projekte abzuschätzen, schreibt eine Sprecherin außerdem. Das geschehe in der Regel sehr früh, noch bevor Zulieferer überhaupt „in die Projekte involviert“ seien.

Die Hilfsorganisation Oxfam sagt aber: Nichts deute im Falle von Agua Zarca darauf hin, dass Voith Hydro seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen sei. Der Siemens-Konzern, der eine Minderheitenbeteiligung an Voith Hydro hält, hätte ebenfalls Einfluss geltend machen müssen, sei aber untätig geblieben. Auch das komme einer „Verletzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht“ gleich.

Der Vorwurf wiegt schwer, denn am 15. Juli 2013 gab es Tote am Fluss. Während einer Protestaktion gegen Agua Zarca wurde das Copinh-Mitglied Tomás García von einem Soldaten erschossen. Am gleichen Tag starb im Nachbarort El Barreal, dessen Bewohner für Agua Zarca sind, weil sie auf Arbeit hoffen, auf Trinkwasser, eine Schule und eine Krankenstation, der 15jährige Cristian Madrid. Wer ihn umbrachte, ist bis heute ungeklärt.

Oxfam sagt: Spätestens im Juli 2013 hätte Voith Hydro reagieren müssen. So wie das chinesische Vertragsunternehmen Sinohydro, das seine Arbeiter abzog und das Geschäft mit Agua Zarca beendete. Voith Hydro aber blieb – bis Berta Cáceres ermordet wurde. Erst danach legten die Deutschen das Geschäft vorläufig auf Eis. „Abhängig vom weiteren Verlauf und den Ergebnissen der Ermittlungen werden wir entscheiden, ob die Lieferungen wieder aufgenommen werden“, erklärt ein Sprecher.

Denn noch ist der Fall nicht abgeschlossen, die Ermittlungen laufen. Zwar wurden sechs Tatverdächtige verhaftet. Aber wer wirklich hinter dem Tod von Berta steckt, bleibt bislang ungeklärt.

 

Der Ermittler

Ricardo Castro leitet die Aufklärungsarbeit im Mordfall Berta Cáceres. Ein Wahlspruch von ihm lautet: „Der Kampf ist hart, aber gar nicht erst zu kämpfen ist etwas für Feiglinge.“ Es ist kein schlechtes Motto für einen Gesetzeshüter in einem von Korruption zerfressenen Land. Ricardo Castro weiß, was es bedeutet, sich durchzukämpfen; und er scheint fest entschlossen, mit dem Sumpf aufzuräumen.

Der Mord an Berta ist ein besonderer Fall. Weil die Aktivistin international bekannt war, steht die Regierung unter Druck, ihn aufzuklären. Deshalb hat Castros Behörde ATIC, eine Art Elitetruppe für besondere Ermittlungen, den Fall von der Polizei übernommen.

Der andere Castro, Gustavo der Zeuge, hat in einem Interview mit der spanischen Nachrichtenplattform El Diario geschildert, wie die Polizei gleich nach der Tat die Ermittlungen gezielt in die falsche Richtung vorantrieb. Zumindest hat er es so erlebt. Wie sie den Mord einem Copinh-Mitglied habe in die Schuhe schieben wollen, obwohl seine, Gustavos, Aussage den Mann entlastete. Wie er selbst in den Fokus der Ermittler geriet. Wie man ihn nicht ausreisen ließ, obwohl er sich in Lebensgefahr glaubte. Aus Sicherheitsgründen lebt Gustavo Castro derzeit im Ausland. Bis heute hätten die Behörden ihn nicht offiziell vorgeladen, um den Mann zu identifizieren, der auf ihn schoss, sagt er.

Doch die Kritik perlt an Ricardo Castro ab. Er übernahm den Fall erst, als Gustavo schon nicht mehr im Land war. Es sei einfach nicht nötig gewesen, den Zeugen noch einmal vorzuladen, sagt Ricardo Castro, die Zeit habe man sich schlicht sparen können. Auch so hätten sie genügend Beweise: Seine Leute hätten die Tatwaffe im Haus eines Verdächtigen gefunden. Den anderen fünf sei man durch technische Mittel auf die Spur gekommen, durch Telefonprotokolle zum Beispiel.

Die sechs Festgenommenen im Fall Berta Cáceres sind: Sergio Rodríguez, ehemals Geschäftsführer für Soziales bei Agua Zarca. Douglas Bustillo, Ex-Soldat und Ex-Desa-Sicherheitschef, der Berta schon Jahre vor ihrem Tod bedroht haben soll. Mariano Díaz Chávez, ein Major des honduranischen Militärs und Ausbilder der Militärpolizei. Und die drei Männer, die am Tatort gewesen sein sollen: der ehemalige Soldat Edilson Duarte, der auf Berta geschossen haben soll; sein Zwillingsbruder Emerson Eusebio, und schließlich ein Mann namens Elvin Heriberto Papalo.

Alle Spuren in dem Fall führen zu Desa. So sieht es der Chefermittler. Doch was ist mit den Spuren zum Militär? Berta Cáceres’ Name habe auf einer militärischen Todesliste gestanden, berichtete der Guardian im Frühjahr. Der Präsident von Desa, Roberto David Castillo Mejía, ist Absolvent der Militärakademie von West Point und ehemaliger Geheimdienstmann. Drei der Tatverdächtigen sind Soldaten oder ehemalige Soldaten. Ricardo Castro scheint die Idee dennoch völlig abwegig zu finden, das Militär könne hinter dem Mord an Berta stecken.

Fest steht jedenfalls: Durch ihren Protest gegen Agua Zarca schuf die Umweltaktivistin sich mächtige Gegner. Denn hinter Desa steckt die Familie Atala, eine der politisch und wirtschaftlich einflussreichsten Familien des Landes.

 Die Atalas

Der größte Teil von Desa gehört José Eduardo Atala Zablah. Mit zwei Brüdern hält er drei von sieben Sitzen des Desa-Verwaltungsrats. José Eduardo ist gut vernetzt; unter anderem war er Direktor für Honduras bei der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftliche Integration BCIE, die Desa einen Kredit über 24,4 Millionen Dollar für Agua Zarca gewährte. Seit dem Mord an Berta liegt das Darlehen auf Eis. Auch andere Finanziers wie die niederländische Entwicklungsbank FMO suspendierten ihre Kredite.

Ein Cousin von Eduardo, Camilo Atala, ist Präsident von Ficohsa, der größten Bank von Honduras. Seine Familie macht in Immobilien, Hotels und Einzelhandel; die Agentur Bloomberg listet Camilo als Milliardär. Camilo Atala war Minister für Investitionen, und als das Militär im Jahr 2009 den damaligen Präsidenten Manuel Zelaya stürzte, führte er die Lobbyisten an, die Zelayas Rückkehr verhindern wollten. Berta Cáceres hingegen war eine prominente Figur des Protests gegen den Putsch.

Auch Desa hat Verbindungen in die Politik. Der Präsident des Unternehmens ist Neffe eines langjährigen Parlamentsabgeordneten, und der Sekretär des Verwaltungsrats mit dem honduranischen Sicherheitsminister verwandt. Stunden nachdem der Journalist Félix Molina diese Verbindungen aufgedeckt hatte, wurden zwei Mordanschläge auf ihn verübt. Molina überlebte.

Der Finanzvorstand von Desa heißt Daniel Atala. Er reagiert auf Mails, lässt dann aber doch lieber andere für sich sprechen. Zum Mord an Berta erklärt die Kommunikationsabteilung von Desa: Man vertraue der Arbeit der Behörden vollkommen und sei überzeugt, dass die Ermittler die wahren Verantwortlichen für den Mord finden würden. Selbstverständlich kooperiere man in vollem Umfang mit den Ermittlern. Desa bestreitet jede Verbindung zu dem Verbrechen. Die Verhaftung des ehemaligen Geschäftsführers Sergio Rodríguez habe das Unternehmen „überrascht“.

Zum Interview in einem schmucklosen Büroturm in Tegucigalpa schickt Daniel Atala zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ramón Rivera und Elsia Paz.

Ramón ist ein freundlicher, zurückhaltender Mann aus San Francisco de Ojuera. Der Ort liegt auf der anderen Seite des Flusses Gualcarque, wo sich die Baustelle von Agua Zarca jetzt befindet. Ramón ist dort der Kommunikationsbeauftragte von Desa. Er hofft immer noch, dass das Kraftwerk gebaut wird, denn andernfalls verlöre er seinen Job. Aber er sieht sich auch einig mit mehr als 4.000 weiteren Anwohnern, die alle für das Kraftwerk seien, wie er sagt: „Für sie ist Agua Zarca die Chance auf ein besseres Leben.“ Auf Arbeit, Strom und fließend Wasser, auf eine Schule, eine Straße und eine Krankenstation.

Doch seit die Bauarbeiten stillstehen, liegen auch die sozialen Projekte auf Eis. In San Francisco de Ojuera fordern sie deshalb, dass weitergebaut wird. In La Tejera aber sind sie fest entschlossen, alles zu tun, damit genau das nicht passiert. Spätestens seit im Juli 2013 Menschen am Fluss starben, haben die Befürworter und Gegner von Agua Zarca Angst voreinander. Der Streit um das Kraftwerk spaltet Dörfer und Familien. Es werde Generationen dauern, sagen die Alten, die Verletzungen zu heilen.

Wie tief die Gräben sind, wird klar, wenn man mit Elsia Paz redet. Sie ist Expertin für Erneuerbare Energien. Sie hat für die Weltbank gearbeitet und glaubt an die Entwicklung durch den Kapitalismus, ganz im Gegensatz zu Berta. Derzeit berät Elsia Unternehmen, die in Honduras Wasserkraftprojekte umsetzen wollen. Aber seit dem Mord an Berta Cáceres zögern ausländische Kreditgeber zu investieren. Elsia Paz fürchtet um ihr Geschäft.

Für sie sind die Umweltschützer von Copinh Vandalen, Verrückte und Lügner, deren einziges Ziel es sei, Geld aus dem Ausland zu bekommen, um sich ein schönes Leben zu machen. Copinh hetze die Leute am Río Gualcarque auf, setze sie unter Drogen und schicke sie dann zu den Protesten. Kein Wunder, dass es dann Tote gebe. Elsia ist auf Konfrontation aus. Versöhnung ist nicht ihre Sache.

Währenddessen laufen die Ermittlungen in dem Mordfall weiter. Bertas Familie und Freunde trauen den honduranischen Behörden nicht. Die Auftraggeber des Mordes könnten noch frei sein, fürchten die Angehörigen – und sie könnten sich ganz oben in der Gesellschaft befinden. Sie wollen nicht aufhören, die vollständige Aufklärung des Falles zu fordern. „Wir wollen Gerechtigkeit für Berta“, sagt eine Freundin. „Und wir fordern die ganze Wahrheit; das müssen wir tun. Sonst sind wir als nächste dran.“

Ist Agua Zarca rechtens?

Seit Jahren gibt es Streit darüber, ob das Wasserkraftwerk rechtmäßig genehmigt wurde. Gemäß internationalen Normen müssten die Behörden bei großen Infrastrukturvorhaben auf indigenem Land die Anwohner vorab konsultieren. Free, prior and informed consent  heißt das Prinzip. In Honduras gibt es noch kein Gesetz, das im Detail regelt, wie die Konsultationen ablaufen sollen. Dennoch haben die Anwohner von Agua Zarca Anspruch auf sie. Und es gab Konsultationen. Doch Berta Cáceres, ihre Organisation Copinh und ihre Unterstützer sagen, dabei seien Stimmen gekauft und Unterschriften gefälscht worden. Der Streit wird schmutzig geführt: Ihre Gegner werfen Copinh ebenfalls Manipulation vor. 

Ermittlungen gegen hohe Funktionäre

Agua Zarca hat die Gemeinschaften am Fluss gespalten. Im Dorf La Tejera sind viele gegen das Projekt, denn der Río Gualcarque ist ihnen heilig. In den anderen Dörfern jedoch hoffen die Anwohner auf das Kraftwerk, weil sie sich von ihm Entwicklung versprechen. Ein Vetorecht gegen das Wasserkraftwerk haben seine Gegner zwar nicht, aber die Konsultationen müssten ihnen Möglichkeiten zur Einflussnahme eröffnen.

Gegen die beiden ehemaligen Vize-Umweltminister, die entscheidende Schritte des Bauvorhabens Agua Zarca genehmigten, laufen mittlerweile Ermittlungen.  Jonathan Laínez soll sein Amt missbraucht haben, sein Nachfolger Darío Roberto Cardona bestechlich gewesen sein. Cardona sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Laínez hatte Agua Zarca seinerzeit die nötige Umweltgenehmigung erteilt. Cardona genehmigte später die Erweiterung des Kraftwerks von 16 auf 21,7 Megawatt Leistung und die Verlegung ans andere Flussufer.

Beweise

Das Papier, das Jonathan Laínez' Unschuld belegen soll, datiert vom 3. September 2013. Unterschrieben haben es Nachbarn aus La Tejera und Sprecher indigener Organisationen. Das Papier protokolliert die "freien, vorhergehenden und informierten Konsultationen", die es am 8. und 9. Dezember 2010 in den Dörfern am Río Gualcarque gegeben habe. Die niederländische Entwicklungsbank FMO, die Kredite für Agua Zarca gab, berichtet von Konsultationen im Jahr 2011 und erneut im Jahr 2014, nachdem der Beschluss zur Verlegung der Baustelle ans andere Ufer gefallen war. Nach dem Mord an Berta Cáceres hat FMO den Fall noch einmal untersucht und kommt zu dem Schluss, dass Free, prior und informed consent gegeben wurde und immer noch gültig ist.

Die allererste Genehmigung für Agua Zarca wurde allerdings bereits per Parlamentsdekret im September 2010 erteilt, also deutlich vor den Konsultationen am Río Gualcarque. Das geht aus einem Bericht von Victoria Tauli-Corpuz hervor, der Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte der indigenen Völker. Ob die beiden Vizeminister dafür verantwortlich sind, ist eine ganz andere Frage.

 

Der Plan

Welche Verantwortung tragen deutsche Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen, die im Zusammenhang mit ihren Geschäften im Ausland geschehen? Die Bundesregierung will das in ihrem Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte regeln. Er soll die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte in deutsches Recht übertragen. Die Prinzipien basieren auf drei Säulen: Der Pflicht des Staates, Menschenrechte zu schützen; der Verantwortung der Unternehmen, die Rechte zu achten; und dem Zugang zu Abhilfe, wenn Menschenrechte verletzt werden.

Die Unternehmenspflichten

Gemäß den Prinzipien müssten Unternehmen die möglichen Folgen ihres Handelns auf die Menschenrechte ständig bedenken. Sie müssten Maßnahmen ergreifen, um die Menschenrechte entlang ihrer Wertschöpfungsketten zu schützen und um etwaige Verstöße wiedergutzumachen. Und sie müssten transparent darüber berichten. Die Bundesregierung will die deutschen Unternehmen offenbar auf freiwilliger Basis dazu bringen, das zu tun – Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen geht ihr Entwurf zum Nationalen Aktionsplan deshalb nicht weit genug. Sie fordern Verbindlichkeit, um für alle Unternehmen gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Geld entscheidet

Schon heute müssen Unternehmen zuweilen entscheiden, ob sie an Geschäften festhalten, die mit Menschenrechtsverletzungen einhergehen – so wie Voith Hydro im Fall Agua Zarca. Ausschlaggebend dafür ist wohl letztlich, ob ihnen ein finanzieller Schaden droht. Stiege Voith Hydro aus Agua Zarca aus, müsste das Unternehmen wohl Schadenersatz leisten. In manchen Fällen kann das schwerer wiegen als ein Reputationsverlust. Ein Menschenrechtsgesetz, das im Fall von Verstößen gegen Unternehmenspflichten hohe Strafzahlungen vorsähe, wäre deshalb ein wirkungsvoller Anreiz für die Firmen, sich besser vorzusehen. 

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