Er singt er, als trüge er ganz Südamerika in seiner Stimme

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Honeckers Enkel : Roberto Yanez ist zurück in Berlin

Im Herbst 1971 betraten zwei junge Männer die Mensa der Technischen Universität Dresden und setzten sich an den Tisch eines auffällig schönen Mädchens. Es war Sonja Honecker, der Liedermacher Bernd Rump und sein chilenischer Freund Leonardo Yanez verliebten sich beide in die Studentin der Informationstechnik. Sie nahm zuerst den Liedermacher, dann Yanez. Als der Pinochet-Putsch beginnt, ist Leonardo Yanez wieder in seiner Heimat. Nur der Auslandsgeheimdienst der DDR kann ihn aus dem Land herausholen.

Tausende Chilenen sterben in den ersten Monaten der Militärdiktatur. Für Tausende Chilenen wird die DDR zur Zuflucht. Tausende Chilenen kommen 1994 zur Trauerfeier Honeckers in Santiago. Wer ist ein Diktator? Sein Großvater? Pinochet? Roberto Yanez hält es nicht aus. Er läuft weg. Da ist er längst ein Hippie, hat lange Haare und Streit mit seinen Eltern. Die Mitschüler schreiben über ihn in der Klassenzeitung: „Idealistischer Dichter, in der Zeitmaschine hier angekommen.“

Sein Lieblingsautor ist Friedrich Nietzsche

Berlin, Fasanenstraße 28, Galerie Kornfeld. Der Galerist und Roberto Yanez hängen die letzten Bilder. Am 12. November wird seine Ausstellung eröffnet, die erste. Er trägt wieder den gleichen kartoffelbraunen grobgestrickten Pullover wie beim letzten Mal. Roberto Yanez würde die fleischfressenden Quallen vor den spitzen hellen Bergen, die so preußischblau-schwarze Schatten werfen, unbedingt in den ersten Raum hängen, aber der Galerist ist dagegen. Yanez malt auch Urfische, die noch nicht entdeckt wurden und nennt deren Zwiesprache „Der Mittelpunkt des Wortes“. Seine Bilder sind wie seine Gedichte, genauso ungebärdig, Wirklichkeitsdurchbrüche, gewalttätig und zart zugleich. Auch andere müssen diese Fische schon gesehen haben, die er sah, sein Unterbewusstsein kann unmöglich ihm allein gehören. Er glaubt an den Kommunismus des Unterbewusstseins.

Sein Lieblingsautor ist Friedrich Nietzsche, der schlimmste von allen. Die SED hielt ihn für den Philosophen Hitlers. Die frühere Volksbildungsministerin der DDR versteht die Gedichte ihres Enkels nicht, vor den Bildern bleibt sie manchmal stehen. Die Farben sind schön.

„Man kann viele Jahre verlieren als Surrealist“, sagt Yanez plötzlich vor einem Bild, auf dem Frühlingsbäume schmerzhaft blühen. Durch den ganzen Kontinent ist er gereist, hat in einer Hippiekommune am Rande der Wüste gelebt. Nach einer Überdosis LSD kamen der Zusammenbruch und die Therapeuten. Zehn Jahre lang. Zehn Jahre zu oft unter der Oberfläche. Aber auftauchen, immer weiter auftauchen, die Wände des Frühlings durchbrechen.

Surrealisten denken nie vorsätzlich

Er hat ein Buch und eine Ausstellung in der Stadt, in der er groß wurde. Nur den Musiker lernt sie nicht kennen. Dabei singt er, als trüge er ganz Südamerika in seiner Stimme. Jahrelang hat er in Bussen und U-Bahnen gespielt. Das ist kein Leben, sagte seine Familie. Das ist mein Leben!, sagte er. Meine Beine sind weit weg von mir/ Es fehlt ein Ziegel in der ewigen Wand/ Kinder spielen an der Grenze meiner Schmerzen.

Natürlich ist er in dem Haus in der Leipziger Straße gewesen, in dem er wohnte, 12. Stock, drei Zimmer, Blick auf den Fernsehturm und in den Westen. Er hat sogar geklingelt. Aber es hat niemand geöffnet. Auch in Wandlitz war er und in Großvaters Jagdhaus.

Surrealisten denken nie vorsätzlich, es denkt in ihnen. Großmutter und Enkel. Sie lebten und sie leben miteinander. Sie sind sich die jeweils Nächsten. Und die Fernsten zugleich. Und doch die Nächsten. Mit dieser Dialektik – vielleicht ist es die wahrhaft menschliche – hat der Kommunismus nie gerechnet. Und es gibt einen Maßstab für die Kunst, von dem er nichts wusste: sie durchlitten zu haben.

Sind Sie ein zufriedener Mensch?

Doch, ich glaube schon, sagt er beim Verlassen der Galerie, in jenem betont harmlosen Tonfall, der ihn verbergen soll. Der Surrealist läuft über den Ku’damm. Er schaut den Menschen ins Gesicht. Er hat Hochachtung vor allen, denen er begegnet. Dieses Wetter! Und hier nicht weg können. Das ist das wahre Exil. In Berlin hat Roberto Yanez erkannt, dass Chile seine Heimat ist.

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