Wenn Roberto Yanez etwas zu sagen hat, schreibt er es auf

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Honeckers Enkel : Roberto Yanez ist zurück in Berlin

Roberto Yanez nimmt die Dinge ein wenig anders wahr. Er ist Dichter. Dichter sind nicht geschwätzig, Dichter können schweigen. Ja, sie schweigen meistens. Und Interviews sind die bevorzugte Kommunikationsform von Leuten, die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Wenn Roberto Yanez etwas zu sagen hat, schreibt er es auf: In kühlen Nächten verdampft der Tag/ Über einen grünen See halte ich meine Seele hin/ Die Eingeweide der schwarzen Nacht/ Umringen das Grab der Melodien. Was mag seine Großmutter zu solchen Gedichten sagen?

Sozialistischer Realismus ist das nicht. Diese Zeilen enthalten alles, was die DDR nicht verstand, nie verstehen wollte. Spätbürgerliche Dekadenz, lautete das Vernichtungswort. Lebt Margot Honecker, Volksbildungsministerin der DDR, mit einem Mann zusammen, diesem Enkel-Mann, der alles verkörpert, wogegen sie einmal gekämpft hat? Und Atheist ist er auch nicht. Kein Surrealist weiß genau, woran er glaubt, aber an den Atheismus glaubt er schon mal nicht.

In der nächsten Woche erscheint im Insel-Verlag Roberto Yanez’ neuer Gedichtband. Er heißt „Frühlingsregen“. Die einführenden Sätze lauten: „,Frühlingsregen’ beschreibt das Erwachen. Diese Gedichte wurden in den Jahren verfasst, in denen ich wieder an die Oberfläche kam.“

Er kämpft für den Surrealismus in Chile

Wo ist einer, wenn er nicht an der Oberfläche ist? Und wie kam er dorthin? Schweigen. Er kämpft für den Surrealismus in Chile, er gehört einer Surrealistengruppe an. Der Surrealismus sei von vorgestern, sagen seine Verächter. Er ist von übermorgen, weiß Yanez. Junge, wir haben für etwas anderes gekämpft, sagt Margot Honecker manchmal. Antwortet er: Ich weiß, Großmutter! – manchmal?

Die Kämpfe der Alten machen ihn so müde. Am besten, man ist, selbst bei physischer Anwesenheit, gar nicht da. Roberto Yanez hat viel Zeit in diesem Nicht-Da verbracht. Ach, reden wir beim nächsten Mal drüber!, schlägt Honeckers Enkel vor. Auch habe er heute noch nichts gegessen. Selbst Surrealisten sind hungrig. Berlin im November. In Chile beginnt gerade der Sommer: Durchs Fenster kann man die Landstreicher sehen/ Es ist der Schlaf des Frühlings/ In dem die Tiere an uns denken. Roberto Yanez geht hinaus in den Regenabend, allein.

Nachdenken über Roberto Yanez. Der Filmemacher Thomas Grimm hat ihn zurück nach Berlin gebracht, in die Stadt seiner Kindheit; er hat ihn hier ausgesetzt, vor allem sich selber, den vergessenen, halb vergessenen und den unvergessenen Bildern, vier Wochen lang. Grimms Porträt läuft Sonntagabend im MDR, es heißt „Honeckers Enkel Roberto“, wie sonst?

Der stärkste Eindruck: „Er hatte keine Angst.“

Vielleicht konnte einer wie Roberto Yanez in der Tat nur Surrealist werden, wenn er bei sich bleiben wollte. Die Großeltern, gestern noch international anerkannte Führer eines Staates, wachten am nächsten Morgen als Verbrecher wieder auf. Am 30. November 1989 erhielten sie die Kündigung ihres Wandlitzer Hauses, in dem Roberto Yanez Kind gewesen war. Ja, sie hätten in eine Zwei-Zimmer-Erdgeschosswohnung am Berliner Bersarinplatz umziehen können, aber in den Gesichtern und an den Mauern stand schon „Keine Gnade für Erich Honecker!“

Das Volk hatte seinen krebskranken Großvater durchs Land gejagt. Welches Volk? Das gleiche, das am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz stand, das gleiche, das so wunderbar „wir“ sagen konnte?

Der Fünfzehnjährige besuchte Erich und Margot Honecker bei jenem Pfarrer in Lobetal, der das obdachlose Ehepaar im Januar 1990 schließlich aufnahm. Der stärkste Eindruck: „Er hatte keine Angst.“ Der Großvater war zu Tode erschüttert, aber Angst hatte er nicht. Es liegt Achtung in dieser Wahrnehmung, eine unhintergehbare Achtung.

Ich muss doppelt denken!, weiß Roberto Yanez

Wie das formulieren und alles andere dabei auch? Vielleicht schaffen das nur Surrealisten. Ich muss doppelt denken!, weiß Roberto Yanez. Er hat es schon so versucht: „Ich würde ihn als Mensch nicht richten. Ich würde ihn richten als das, was er am Ende nicht war.“ Ein logisch vielleicht nicht ganz zu rechtfertigender Satz, aber er geht direkt ins Hirn, ist im Zweifel klüger als ganze Tribunale. Zumal, wenn man die chilenische Volksweisheit mitdenkt, ein gutes Vorhaben sei der direkteste Weg in die Hölle.

Roberto Yanez spielte noch mit dem Sohn des Pfarrers Fußball, doch schon im März 1990 flohen seine Eltern aus der Noch-DDR. Er wollte da bleiben, die Familie eines Freundes hätte ihn aufgenommen. Aber er stieg schließlich doch in das Flugzeug nach Santiago de Chile. In das Land, aus dem sein Vater kommt. Ohne dessen blutigen Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Allende 1973 er wohl nie geboren worden wäre. Was für ein Gedanke, gleichursprünglich zu sein mit einem großen Morden.

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