Honorarreform : Berlins Ärzte gewinnen

Die vorab beklagten Einbußen sind ausgeblieben: Der Großteil der Ärzte in Deutschland verdient klar mehr als vor der Honorarreform. Berliner Ärzte profitieren bundesweit am stärksten.

Rainer Woratschka
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Berlin - Sie haben gegen nie da gewesene Honorareinbußen demonstriert und den Zusammenbruch der medizinischen Versorgung an die Wand gemalt. Sie haben Politiker beschimpft, Praxen geschlossen und mit Vorkasse bei ihren Patienten gedroht. Nun jedoch stellt sich heraus: Die überwiegende Mehrheit der 140 000 niedergelassenen Vertragsärzte in Deutschland hat nach der Honorarreform deutlich mehr Geld auf dem Konto. Nach den frisch vorliegenden Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fürs erste Quartal 2009 stieg die Gesamtvergütung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bundesweit um 7,8 Prozent.

Die absoluten Zahlen seien „besser ausgefallen als erwartet“, bestätigte KBV- Chef Andreas Köhler. Die einzige Arztgruppe, die geringe Einbußen zu verkraften hat, seien die Orthopäden mit einem bundesweiten Minus von vier Prozent. Am meisten profitiert haben dagegen die Kardiologen. Ihre Honorare legten um 21 Prozent zu. Es folgen die Nervenärzte mit 18, die Hautärzte mit 13 und die Gastroenterologen und Urologen mit 12 Prozent. Die Kinderärzte steigerten sich um acht, die Hausärzte um sechs Prozent.

Regional besehen sind Berliner Ärzte die Reformgewinner. Und zwar mit Abstand: Sie erhielten 32,2 Prozent mehr Geld. Mediziner in Baden-Württemberg dagegen mussten im ersten Quartal als Einzige ein Minus hinnehmen, es lag bei 0,7 Prozent. Der Grund für diese Differenz ist die unterschiedliche Ausgangsbasis. Im Südwesten waren die Arzteinkommen bislang besonders hoch, im „Armenhaus Berlin“ (Köhler) am niedrigsten.

Auch beim Honorarabstand ostdeutscher Ärzte hat sich einiges getan. Lag die Ost-West-Differenz pro Versicherten im ersten Quartal 2008 noch bei 13 Euro, sind es jetzt nur sieben Euro. Kein Wunder: In Westdeutschland stiegen die Honorare nur um 5,6 Prozent, im Osten jedoch um 13,5 Prozent. Die Angleichung sei das wichtigste Reformziel gewesen, betonte der KBV-Vorsitzende – „allerdings unter der Prämisse, dass es keine Abflüsse in den alten Bundesländern gibt“. Ersteres sei erreicht, das Zweite leider nicht. Vom Verlierer Baden-Württemberg abgesehen sei auch der Zuwachs in Bayern, Nordrhein und Rheinland-Pfalz „weit unterdurchschnittlich“. Für all diese Regionen gebe es „Nachbesserungsbedarf“.

Köhler warnte vor einer Überbewertung der Zahlen. Die Ergebnisse seien vorläufig, und auch innerhalb der Arztgruppen gebe es Gewinner und Verlierer. Während die Orthopäden bundesweit als Verlierer dastünden, verbuchten sie in Sachsen-Anhalt und Brandenburg zweistellige Zuwächse. Und während in Sachsen-Anhalt 95 Prozent der Hausärzte profitierten, seien es in Baden-Württemberg nur 14 Prozent. Auch gebe es noch einige Schräglagen. So wurde in Sachsen-Anhalt die bisherige Zahl dringender Hausarztbesuche um 431 Prozent überschritten, in Schleswig-Holstein dagegen nur um vier Prozent. Kommentar Köhler: Offenbar hätten in manchen Regionen viele „den dringenden Nachtbesuch als zusätzlich abrechenbare Leistung entdeckt“. Ähnlich unterschiedliche Zuwächse gebe es in der Schmerztherapie.

Die momentan in ganz anderer Angelegenheit angeschlagene Gesundheitsministerin (siehe Seite Drei) sieht die KBV-Zahlen als Bestätigung. Sie zeigten, sagte sie, „dass die Befürchtungen mancher regionaler Ärztefunktionäre deutlich übertrieben“ und die vielen Proteste ohne wirkliche Zahlenkenntnis „völlig unangemessen“ gewesen seien. Nun erwarte sie, dass die Mediziner nicht nur ihre Aktionen zu Lasten der Patienten beendeten, sondern auch, „dass mit der erheblich verbesserten Honorierung eine Bevorzugung von Privatpatienten aufhört“.

Auch Köhler äußerte Kritik – an den „Horrormeldungen“ einzelner Funktionäre ebenso wie an den verfrühten Medizinerprotesten ohne Zahlenkenntnis. Dass sich die Kassenärzte nun in reuiger Bescheidenheit üben, ist jedoch nicht zu erwarten. Am 7. August beginnen die Honorarverhandlungen fürs nächste Jahr. Und der KBV-Chef hat schon einmal klargestellt, dass die ambulante Versorgung aus seiner Sicht nach wie vor nicht ausreichend finanziert ist. Die „Unterdeckung“ liege immer noch bei 15 Prozent.

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