Politik : Horst, der Nestbeschmutzer

In der CSU weht Seehofer ein schärferer Wind entgegen – manche fordern ihn sogar zum Rücktritt auf

Robert Birnbaum

Berlin - Es gibt Sätze, die werden erst hinterher wahr. Als der CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer vor Monatsfrist einmal versicherte: „Die Diskussion Huber-Seehofer wird in der Partei nicht geführt“, hat er ungläubiges Gelächter geerntet. Inzwischen hat er recht bekommen. In der Partei wird derzeit ausschließlich die Diskussion über Horst Seehofer geführt.

Die hat sich der Mann, der CSU-Chef werden will, selbst eingebrockt mit seinen unbedachten (oder vielleicht allzu bedachten) Sätzen zu einem „Stern“-Reporter: „Ich bin gut informiert. Ich weiß viel. Ich habe viel Material.“ Seehofer hat zwar rasch versichert, das sei nicht als Drohung mit peinlichen Enthüllungen gemeint gewesen für den Fall, dass Parteifreunde seine eigene außereheliche Affäre gegen ihn verwenden sollten. Aber es gibt etliche in der CSU, die das Dementi nicht glauben, und es gibt etliche, die es schon gar nicht glauben wollen. „Wenn er nicht hat drohen wollen“, fragt, mehr rhetorisch, ein Christsozialer, „warum sonst sagt er dann so was?“

Der Kronzeuge dafür, dass solche Fragen derzeit nicht nur von Hinterbänklern aufgeworfen werden, heißt Markus Ferber. Der gehört als CSU-Landesgruppenchef im Europaparlament und CSU-Bezirkschef von Schwaben zum einflussreichen mittleren Parteimanagement. In der Partei, zitiert ihn die „Bild“-Zeitung, werde inzwischen sogar offen darüber debattiert, ob Seehofer überhaupt noch Parteivize und Minister bleiben könne. Seehofer schloss einen Rücktritt im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ kategorisch aus, nachdem sich Landtagsabgeordnete in der „Bild“-Zeitung namentlich mit der Forderung hatten zitieren lassen, er solle von sich aus abtreten. „Wer intimes Material sammelt, arbeitet mit Stasimethoden“, zürnt etwa der Parlamentarier Bernd Weiß. Nun stammt Weiß aus Unterfranken, steht mithin landsmannschaftlich dem Mittelfranken Günther Beckstein nahe, der wiederum als designierter Ministerpräsident am liebsten Erwin Huber als Parteichef zur Seite hätte. Und Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf, der vom Magazin „Focus“ zitiert wird, hat mit dem Kollegen Bundesminister ebenfalls noch eine Fleischskandalrechnung offen.

Aber wenn Schnappauf sagt, es sei nicht länger hinnehmbar, dass eine ganze Partei als moralisch verwerflich diskreditiert werde, dann trifft das Seehofer an seinem empfindlichsten Punkt. Bis vor drei Tagen konnte der Mann aus Ingolstadt im Rennen um den CSU-Vorsitz nicht nur als der bundesweit Prominentere punkten, sondern präsentierte sich auch als irgendwie moralisch integrer als Konkurrent Huber: Horst Seehofer, doppeltes Opfer einer Hinterzimmerintrige gegen Edmund Stoiber und einer intriganten Schmutzkampagne. Nun steht auf einmal das Opfer selbst als Täter da, der gleich das ganze Nest CSU beschmutzt.

Neue Freunde hat sich Seehofer jedenfalls nicht gemacht. Eher im Gegenteil. Von Stoiber zum Beispiel hat es bisher geheißen, der Gestürzte sei so sauer auf Huber, dass er Seehofer favorisiere. Das jüngste Stoiber-Zitat, von „Focus“ kolportiert, klingt aber anders: „Der spinnt ja!“

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