• HUBSCHRAUBER „TIGER“ UND „NH-90“: Gesucht wird: Die eierlegende Wollmilchsau – für Heer, Luftwaffe und Marine

HUBSCHRAUBER „TIGER“ UND „NH-90“ : Gesucht wird: Die eierlegende Wollmilchsau – für Heer, Luftwaffe und Marine

Bei Flugschauen wie der Internationalen Luftausstellung (ILA) in Berlin sind der Kampfhubschrauber „Tiger“ und der mittlere Transporthubschrauber „NH-90“ (Nato-Helicopter 90) immer wieder Publikumsmagneten. Nicht allein wegen ihres modernen Äußeren oder ihrer Flugleistungen. Oft wollen die Schaulustigen einfach nur sehen, wie denn diese Dinger aussehen, von denen in den Medien immer wieder in Verbindung mit weiteren Kostensteigerungen und Verzögerungen die Rede ist.

Nicht selten hört man dann mitleidige Kommentare über die Hersteller, die es nicht fertigzubringen scheinen, Kabelbäume ordentlich zu verlegen. Doch spricht man einmal mit den vermeintlich unfähigen Ingenieuren, bekommt man ein vollkommen anderes Bild von den Schwierigkeiten solcher Projekte wie dem „NH-90“ und dem „Tiger“.

Am Anfang steht immer das Lastenheft, also die Wunschliste des Auftraggebers, was das geforderte Produkt für Eigenschaften und Leistungsmerkmale aufweisen soll. Hier liegt schon der erste Stolperstein, denn was gefordert wird, ist in der Regel die eierlegende Wollmilchsau.

Moderne Technologie ist teuer. Also fordert das Militär heutzutage gerne Waffensysteme und Fahrzeuge, welche einer Vielzahl von Aufgaben und Einsatzszenarien gerecht werden, beziehungsweise durch Anpassungen erweitert werden können. Dementsprechend sollte die Basisversion des neuen mittleren Transporthubschraubers den Anforderungen von Heer, Luftwaffe und Marine gleichermaßen genügen. Das aber erfordert Kompromisse, welche dann zu Mängeln im spezialisierten Einsatz führen. So ist zum Beispiel die Bauhöhe des Transporthubschraubers durch die Höhe der Hangars auf den Fregatten begrenzt. Das entspricht aber nicht eben den Bedürfnissen des Heeres, das voll ausgerüstete Soldaten transportieren will.

Wegen hoher Kosten und der politischen Vorgabe einer europäischen Rüstungsindustrie werden Entwicklung und Bau multinational betrieben. Beim Projekt „NH-90“ sind Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande beteiligt. Damit vervielfachen sich die Wünsche an das Fähigkeitsprofil des Fluggerätes, haben doch die Streitkräfte der jeweiligen Staaten untereinander und auch innerhalb ihrer Teilstreitkräfte verschiedene taktische Verfahren und Einsatzbedingungen.

Auf der praktischen Ebene führt das zu Kompetenzgerangel, einer Vielzahl von Änderungswünschen und langwierigen Prüfverfahren. Jede Änderung an einem Detail wird da zu einer Geduldsprobe für die Entwicklungsabteilung. Bevor ein Bauteil verändert werden kann, müssen die beteiligten Staaten und deren Teilstreitkräfte ihre eigenen Prüfverfahren dazu abgeschlossen haben. Nicht selten wird dabei mehr gegen- als miteinander gearbeitet. Unter diesen Umständen wäre es schon schwierig, Hubschrauber zu entwickeln, die der gängigen und bewährten Technologie entsprächen.

Beim „Tiger“ und dem „NH-90“ hat man es jedoch mit Projekten zu tun, bei denen sowohl die Industrie als auch der Kunde technologisches Neuland betreten haben. Beide bestehen zum größten Teil aus Verbundwerkstoffen, die zwar deutlich leichter sind als die bisherige Bauweise aus Stahl und Aluminium, mit denen man aber noch wenig Erfahrung hat. Auch bei der Steuerung und der Elektronik ist man vollkommen neue Wege gegangen.

Es wäre zu einfach, allein der Industrie vorzuwerfen, unfähig zu sein und von einer Panne zur anderen zu stolpern. Es liegt mindestens ebenso an den Strukturen dieser multinationalen Projekte, dass zum Beispiel der „Tiger“, dessen Prototyp sich 1991 erstmals in die Luft erhob, bis zur Auslieferung 14 Jahre benötigte und die Bundeswehr dann noch einmal nahezu acht Jahre brauchte, ihn als Kampf- und Unterstützungshubschrauber in den Einsatz zu bringen. Erwin Starke

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