Politik : Humanitäre Hilfe: Brot und Bomben

Rainer Woratschka

Bomben gegen die Herrscher, Brot für das Volk. Mit dieser Botschaft haben die Amerikaner den Doppelpack versehen, den sie - nahezu zeitgleich - über Afghanistan abwerfen. Die Lebensmittelpakete sollen der Not leidenden Bevölkerung helfen, die ohne Auslandslieferungen kaum durch den Winter käme. Vor allem aber sollen sie der Welt eines signalisieren: Der Angriff gilt einzig dem Terrorregime der Taliban. Die Bewohner Afghanistans sind nicht der Feind - und schon gar nicht die "fast eine Milliarde Muslime", um deren Wohlwollen sich Präsident George W. Bush schon vor den Militärschlägen wortreich bemühte.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? So stiegen schon kurz nach den ersten Bombardements zwei US-Frachtmaschinen aus dem pfälzischen Militärflughafen Ramstein auf und ließen 37 500 Nahrungsmittel-Rationen über dem zentralen Hochland Afghanistans und der südlichen Grenze zu Pakistan herabregnen. Die Abwürfe seien nur der Auftakt, ließ US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wissen - der erste Teil der versprochenen Hilfe in Höhe von 320 Millionen Dollar. Die leuchtend gelben Pakete enthielten je eine Tagesration dessen, was nach US-Ansicht zum Überleben nötig ist: 2300 Kalorien in Form von roten Bohnen, Brot, Linsen, Trockenobst, Erdbeermarmelade und Erdnussbutter. Dazu Gewürze, Serviette sowie ein Beipackzettel in englischer, spanischer und französischer Sprache: "Dies ist ein Nahrungsgeschenk des amerikanischen Volkes."

Während selbst die "New York Times" offen einräumt, dass die Aktion wohl "eher wegen ihres psychologischen Effekts als wegen ihres Nährwerts" gestartet wurde, will das deutsche Entwicklungshilfeministerium den Abwürfen nur Positives abgewinnen. Es handle sich um eine "positive Komponente der Flüchtlingshilfe", so Sprecher Klaus Euteneuer. Als problematisch erachte er diese Form der Hilfslieferung nicht.

Deutsche Hilfsorganisationen sehen das anders. Lebensmittel-Abwürfe seien "das schlechteste Mittel, um Hungernden zu helfen", sagt Claudia Hink von "Brot für die Welt". Noch deutlicher wird die Organisation "Oxfam", die derzeit ein Hilfsprogramm für 750 000 Menschen in Afghanistan unterhält. "Wenn das die angekündigte humanitäre Aktion sein soll, dann ist sie völlig unzureichend", sagt der deutsche Projektverantwortliche Jörn Kalinski. Unvorbereitete Abwürfe aus der Luft seien gefährlich, willkürlich und "unwahrscheinlich teuer". Zudem müsse jede Hilfe "strikt von militärischen Aktionen getrennt" werden.

Derselbe Tenor bei der Welthungerhilfe. Selbst deren 250 afghanische Mitarbeiter sähen die Abwürfe "sehr zwiespältig", berichtet Sprecher Uli Post - und fordert statt dessen "humanitäre Korridore" zur Versorgung der Bevölkerung. Hilfstransporte ins Land hinein sollten einen höheren Stellenwert haben als der Aufbau von Flüchtlingslagern im Grenzgebiet. Diesbezüglich herrschten zwischen UN und Nichtregierungs-Organisationen aber "Meinungsdifferenzen".

Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" kritisiert den gleichzeitigen Abwurf von Bomben und Lebensmitteln als "Teil einer militärischen Strategie". Humanitäre Hilfe dürfe nicht zur Werbung um internationale Unterstützung für die US-Angriffe benutzt werden, so Sprecherin Kattrin Lempp."Die Mitarbeiter befürchten, dass die Vermischung militärischer Operationen mit humanitärer Hilfe die ohnehin schon schwierigen Bedingungen für humanitäre Hilfe verschärfen wird."

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